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Nachgefragt



Abgas-Manipulationen: Ist der VW-Skandal nur der Auftakt?

Der VW-Skandal beutelt nicht nur die deutschen Autobauer, sondern die gesamte Branche. Die Manipulationen der Abgasmessungen haben das Vertrauen der Autofahrer als auch der Investoren untergraben.

  • Felix Clary, Vorsitzender des Verbandes der Automobilimporteure in der IV
  • Helga Kromp-Kolb, mehrfach ausgezeichnete Klimaforscherin

"Der Siegeszug wird weitergehen"

Felix Clary, Vorsitzender des Verbandes der Automobilimporteure in der IV:
„Ich verwehre mich gegen eine kollektive Verurteilung der Automobilbranche. Die Aufregung ist völlig übertrieben. Bleiben wir auf dem Boden. Es handelt sich um einen Fall. Der Siegeszug des Automobils wird weitergehen. Stärker noch in Asien als in Europa, wo der Markt abgedeckt ist. Dennoch werden die Österreicher und die anderen Europäer nicht auf die Autos verzichten.  Der Siegeszug des Autos ist noch lange nicht vorbei. Wir können uns ein Leben ohne das Auto nicht vorstellen.“

"Wir gefährden unser Überleben"

Helga Kromp-Kolb, mehrfach ausgezeichnete Klimaforscherin:
„Dieser Skandal um VW offenbart ein Grundproblem: Egal was auch passiert, das System wird nicht angetastet. Das macht mir große Sorge. Wenn man derartig hohen Leistungsdruck und so attraktive Erfolgsprämien aufbaut wie in der Autoindustrie, dann werden immer wieder Entscheidungsträger den Versuchungen der Manipulation erliegen. Und: Wenn Umweltvergehen als Kavaliersdelikte betrachtet werden, dann gefährden wir kurzfristig unsere Gesundheit, langfristig unser Überleben auf dem Planeten.“

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Streit ums Erbe: Darf sich der Staat bereichern?

Die einen wollen sie, die anderen scheuen sie: die Erbschaftssteuer. Seit 2008 ist sie in Österreich Geschichte, doch könnte sie nun im Zuge der Steuerreform durch die Hintertüre wieder eingeführt werden. Kann sie helfen, den Reichtum in Österreich zu unser aller Wohle gerechter zu verteilen? Oder bedroht sie die Überlebensfähigkeit von Betrieben und damit unseren Wohlstand?

  • Georg Hubmann, Wirtschaftsethiker und Leiter der Denkfabrik "Jahoda-Bauer Institut"
  • Dem Industriellen Norbert Zimmermann, Aufsichtsratsvorsitzender und Hauptaktionär der "Berndorf AG"

"Da war nichts zu holen"

Georg Hubmann, Wirtschaftsethiker und Leiter der Denkfabrik "Jahoda-Bauer Institut", plädiert für eine Erbschaftssteuer.

Georg Hubmann

"Durch Arbeit kann man in Österreich kaum noch reich werden, das zeigt die Reallohnentwicklung der vergangenen 15 Jahre: Da war nichts zu holen. Trotzdem ist bei einigen wenigen das Vermögen sehr stark gewachsen – eben durch Erbschaften. Dabei ist bei Erbschaften ist die geringste Eigenleistung dabei, es wird nichts geschaffen, sondern nur Vermögen weitergegeben. Dieses Vermögen ist in Österreich ungleich verteilt – was schlecht für die Gesellschaft ist: Gesellschaften mit gleichmäßiger Vermögensverteilung funktionieren besser. Darum sind Erbschaften der Bereich, wo man am besten zielgerichtet einhaken kann, um diese Verteilung zu erreichen."

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"Fass ohne Boden"

Norbert Zimmermann, Hauptaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender der Berndorf AG warnt vor neuen Steuern.

Norbert Zimmermann

"`Die Reichen sollen zahlen, die sind verantwortlich für alles, was finanziell schief läuft!´ – diese dumpfe Botschaft muss weg! Je mehr Steuern wir in den Fiskus, dieses Fass ohne Boden, hineinschütten, desto schlechter geht es unserer Volkswirtschaft. Wird ein Unternehmen innerhalb einer Unternehmerfamilie vererbt und fallen Erbschaftssteuern an, verschiebe ich einen gewissen Unternehmenswert in den Fiskus – und der geht mit Sicherheit ineffizienter damit um als die Unternehmerfamilie. Da ist es gescheiter, der Unternehmer investiert als der Staat!"

 


 

Pillen für alle Fälle: Machen uns Medikamente krank?

Unsere Gesundheit ist das Kostbarste, das wir haben. Um sie zu erhalten, greifen wir gerne zu Pillen und Pulvern: Exakt 10.631 verschiedene Arzneimittel sind in Österreich zugelassen. Doch machen Medikamente wirklich immer gesund? Verschreiben Ärzte leichtfertig Arzneimittel? Und macht die Pharma-Branche gar Profit auf Kosten unserer Gesundheit?  

„Ein Medikament ist kein Zuckerl“

Der Generalsekretär des Verbandes der pharmazeutischen Industrie, Jan Oliver Huber,  mahnt zur Eigenverantwortung beim Medikamentenkonsum. 

„Die Ursachen liegen beim Patienten, nicht beim Arzt. Ein gewisses Maß an Eigenverantwortung muss vorhanden sein. Jeder weiß, dass ein Medikament kein Zuckerl ist, sondern meist ein hochtechnisiertes Produkt, das über Jahre hinweg entwickelt wurde. Und wenn der Patient unsicher ist, muss er den Arzt fragen. Der Patient ist ja ein mündiger Mensch und braucht sich vor den Ärzten nicht zu fürchten.“

 

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„Die Pharmaindustrie hat zu viel Macht und Einfluss“ 

Immer mehr Menschen greifen zu Medikamenten. Die Biologin und Autorin Cornelia Stolze gibt der Pharmaindustrie die Schuld.

„Die Pharmaindustrie hat zu viel Macht und Einfluss. Das fängt schon damit an, dass fast alle Fortbildungen und Tagungen von und für Ärzte von der Industrie gesponsert werden. Arzneimittelhersteller sind aber auch hochprofessionell in dem, wie sie - oft sogar innerhalb der legalen Grenzen - Einfluss auch die Meinung von Ärzten und Verbrauchern nehmen. Das reicht von Schleichwerbung bis hin zu Medizinprofessoren, die - für Laien meist nicht erkennbar - regelmäßig von Pharmafirmen Geld bekommen und im Gegenzug öffentlich bestimmte Medikamente oder Krankheitsbilder propagieren“

 


 

Cash-Out! Droht das Ende des Bargelds?

Die Österreicher hängen am Bargeld: Neun von zehn möchten auch in Zukunft mit Münzen und Scheinen zahlen. Und doch könnte damit bald Schluss sein. Dänemark will ab 2017 kein Bargeld mehr ausgeben, in den USA ist das Zahlen mit Kreditkarte schon längst üblich. Ist Bares auch bei uns ein Auslaufmodell? Und: Kann so Steuerhinterziehung verhindert werden? Oder will der Staat einfach wissen, was wir Bürger am Konto haben?

 

"Die größten Verbrechen"

Der Finanzexperte und Publizist Andreas Lusser hält wenig von einer Abschaffung des Bargelds.

„Der Staat will gegen Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit vorgehen. Wenn der Staat aber in die intimsten Zahlungsströme hineinsieht, kann er selbst die größten Verbrechen begehen. Die Regierung unterliegt demokratischer Kontrolle, aber wenn die Nationalbanken Negativzinsen einführen, das Ersparte also weniger wert wird, hat man keine Möglichkeit, sich mehr zu wehren. Die Banken hätten wesentlich mehr Macht.“

 

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"Bargeld ermöglicht Steuerhinterziehung"

Steffen von Blumröder, Bankenexperte IT-Branchenverband Bitkom, sieht in einer bargeldlosen Zukunft vor allem Vorteile.

 

„Jedes Jahr gehen alleine in Deutschland bis zu zehn Milliarden Euro nur für die Bargeldlogistik drauf. Dieses Geld könnte man für deutlich bessere Zwecke nutzen! Außerdem ermöglicht erst Bares Schwarzgeld und Steuerhinterziehung. Heute, wo ein Grexit droht, ist es sinnvoll zu kontrollieren, ob Gelder unversteuert in andere Länder abfließen! Sonst müssen womöglich alle EU Steuerzahler für solche Steuerhinterzieher einspringen.“

 


Gefangen im Netz: Wie können wir uns befreien?

Dieses Mal mit dem Medienkünstler Johannes Grenzfurthner und Bert te Wildt, Psychiater und Autor von "Digital Junkies"

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„Privatsphäre ist eine bourgeoise Fantasie!“

Für den Künstler, Autor und Regisseur Johannes Grenzfurthner ist Privatsphäre in Zeiten des Internets überholt. In den Kulturpessimismus ihrer Verfechter will er dennoch nicht einstimmen.

 

Johannes Grenzfurthner

Die EU zwingt Google, auf Anfrage Informationen über ihre Nutzer zu löschen. Ist das eine moderne Form der Zensur?
Die Antwort findet man nur in der normativen Kraft des Faktischen: Was tun die Nutzer? Politiker diskutieren den Schutz der Privatsphäre und das Recht aufs Vergessen, während sich im Netz niemand an die Gesetzesregelung hält. Tatsachen werden dadurch geschaffen, was die breite Bevölkerung tut. Und im Moment sieht es nicht so aus, dass sie sich in die Richtung „Mehr Datenschutz“ bewegt – sondern eher im Gegenteil. 

Wird damit Privatsphäre zum Anachronismus?
Genauso ist es. Die Privatsphäre, wie wir sie definiert haben, ist nur 200 Jahre alt; davor gab es sie schlicht nicht, und in Zukunft wird es sie auch nicht mehr geben. Sie ist im Grunde genommen eine bourgeoise Phantasie, die eigentlich unmöglich eingehalten werden kann und in manchen Punkten relativ konservativ ist. 

Kinder und Jugendliche nutzen das Netz besonders stark. Nun werden Warnrufe laut, sie würden sich darin verlieren.
Ich glaube, diese Einstellung fällt unter das große Thema Kulturpessimismus. Ich bin selbst als Jugendlicher stundenlang vorm Fernseher gesessen. Natürlich kann man es negativ interpretieren, wenn Kinder wie gebannt vorm Computer sitzen und lieber ins Glas pinkeln statt aufs Klo zu gehen, um nur ja den Bildschirm nicht zu verlassen; man kann es aber auch positiv sehen. Diese Kinder setzen sich intensiv mit einer neuen Technologie auseinander, die auch morgen ihren Wert haben wird. Ich habe aber ein Problem damit, wenn Dinge pathologisiert werden. Dasselbe Phänomen hat es in den 50er Jahren gegeben, als man davor gewarnt hat, seinen Kindern Comics zu erlauben, weil sie dann das Lesen verlernen würden.

Markus Rodlauer

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„Generation von Internetjunkies“

Psychiater und Buchautor Bert te Wildt über die Eingeborenen des Netzes, krankhaften Internetkonsum und den Zwang, sich selbst in Szenen zu setzen.

 

Bert te Wildt

Dienen uns die Medien, oder sind wir mittlerweile ihre Sklaven - kurz, sind wir gefangen im Netz?
Ich kenne vor allem die pathologische Seite, also alles Krankhafte: Die Süchtigen, die im analogen Leben vieler Freiheiten beraubt, die nicht mehr Teil sozialer Prozesse sind und kaum noch Anbindungen im sozialen Leben haben, die also nur noch Zuhause hocken und im Netz aktiv sind. Ich sehe, wie aus einer vermeintlichen Freiheit Sucht wird. Da kann einem schon angst und bange um die Gesellschaft werden. Auch, weil wir Junge immer mehr in die digitale Welt hineingebären, das sagt ja der Begriff des Digital Native, des Eingeborenen des Netzes. Wir laufen Gefahr, eine Generation von Internetjunkies heranzuzüchten.

Was ist die Alternative? Völlige Medienabstinenz?
Medien gehören zum Menschsein dazu. Man sollte junge Menschen aber langsam an die verschiedenen Medien heranführen, beginnend mit den analogen. Sie müssen zuerst die basalen Kulturtechniken beherrschen, Lesen, Schreiben, Rechnen – mit Kopf, Herz und Bauch, bevor wir sie an die komplexen und zugleich scheinbar so leicht zu bedienenden neuen Medien lassen.

Wie stehen Sie zum Recht auf Vergessen und zum Recht auf Privatheit im Netz?
Wir müssen uns unsere Selbstbestimmungsrechte zurückholen. Wir sollten selbst entscheiden können, was wir von uns verkaufen. Im Netz haben wir das nicht mehr. Stellen Sie sich vor, Sie gehen in den Park, lesen dort ein Buch, gehen in ein Geschäft, kaufen dort bestimmte Klamotten – und danach werden Ihnen Werbeprospekte zugesendet, in denen auf Ihre Lektüre und Ihre neu erstandene Kleidung Bezug genommen wird: „Sie haben das und das gelesen, vielleicht interessiert Sie auch dies und jenes?“ Da würden wir alle sagen, das geht zu weit, soweit darf uns niemand nachspionieren. Im Netz ist es Realität. Dabei sollte das Internet frei sein und nicht nur kapitalistischen Gesetzen gehorchen.

Es scheint, als ob der Druck, sich selbst zu inszenieren, mit den neuen Medien gestiegen ist. Trügt der Eindruck?
Ich würde sagen, dass dieser Druck zur Selbstinszenierung bereits mit dem Fernsehen angefangen hat. Mit den Casting Shows und Reality Shows. Sie dringen tief in die Gesellschaft ein, Selbstdarstellen ist ein allgegenwärtiges Phänomen. Junge sehen ihr Leben wie in einer Casting Show, jeder darf mal ein bisserl Ruhm haben. Das halte ich für problematisch. Im Internet hat sich dieser Trend verstärkt: „Wenn ich nicht im Internet bin, wenn man mich nicht auf Instagram sieht, dann existiere ich nicht“ – das ist doch gruselig.

 Martina Lettner

 


 

Der FIFA-Sumpf: Wie korrupt ist der Fußball?

Dieses Mal mit dem Schriftsteller und Fußball-Fan Franzobel und Karl Kriechbaum, Psychologe und Autor von "Der korrupte Mensch"

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„Sonst droht der Zerfall“

Der Schriftsteller und Fußballfan Franzobel über die Unverwundbarkeit des Fußballs, den Quasi-Monarchen Blatter und die Macht der Fans.

 

Wie denken Sie als Fußballfan über die jüngsten Entwicklungen?
Ich denke, dass der Zeitpunkt gekommen wäre, dass Sepp Blatter zurücktreten sollte. Fußball als Faszinosum ist extrem stark, aber möglicherweise kann ein dermaßen korrupter Mensch ihn beschädigen.

Sollten sich die europäischen Verbände stärker engagieren, um Blatters Wiederwahl zu verhindern?
Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass das etwas bringen würde. Blatter hat ein System errichtet, in dem er fast unstürzbar ist. Das ist ein quasi-monarchisches System, in dem er fast nur durch Revolution zu stürzen wäre. Dieser Umbruch ist aber dringend notwendig, sonst droht – wie beim Boxen – der Zerfall des Verbandes, und am Ende hätte man schlimmstenfalls fünf Parallel-Weltmeister.

Müssen die Fans also den Fußball boykottieren, um ihn zu retten?
Durch die ganzen sozialen Netzwerke hätten die Fans die große Macht und Chance, Stellung zu nehmen. Einen Boykott kann ich mir aber nicht vorstellen, da hängen zu viele Interessen daran – politischer Natur, medialer, ökonomischer, etc. Außerdem ist die Faszination des Fußballs einfach zu stark, Fußball hat momentan mehr Anhänger als jede Religion – die meisten Fans kümmern sich um den Präsidenten herzlich wenig. Andererseits: Hätte das System Blatter Bestand und würde gar noch verschärft, wäre der Fußball sehr wohl in Gefahr.

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„Bis in den Tod“

Der Psychologe Karl Kriechbaum über Narzissten, Zuwendungsgier, die Notwendigkeit von Korruption – und was Sepp Blatter mit all dem zu tun hat.

Welcher Typus Mensch ist FIFA-Präsident Sepp Blatter?
Ich beschäftige mich mit der „Dunklen Triade“: Psychopathen, Narzissten und Machiavellisten. Ich würde Blatter als Machiavellisten einschätzen, also ein sehr feiner, kontrollierter Narzisst. Nach allem, was sein Umfeld über ihn sagt, ist er sehr machtbewusst und zuwendungsgierig, will bewundert werden und hat stark narzisstoide Züge. Das Ärgste, das man so einem Menschen antun kann, ist, ihn zu ignorieren. Derzeit steht er im Mittelpunkt, und das für sich ist für ihn ein positiver Wert.

Wie kann sich so ein Mensch jahrzehntelang an der Macht halten?
Solche Machtmenschen gehen mit dem gemeinen Fußvolk eine passiv-aktive narzisstoide Symbiose ein: Das Fußvolk blickt auf zu dem großen, selbstbewussten, mächtigen Mann. Das hebt nicht nur dessen Selbstwertgefühl, sondern auch das des Fußvolks. Deshalb folgt es solchen Menschen auch bis in den Tod. Außerdem hat Blatter Kritiker mit Klagen eingedeckt, ihm ist also nicht leicht beizukommen.

Wie wird man überhaupt korrupt?
Korruption ist ein wesentlicher Teil unseres Systems. Ohne Korruption würden das ganze Wirtschaftsleben und die Politik zusammenbrechen. Das muss nicht nur negativ sein und ist im Übrigen in der Natur des Menschen begründet. Ich bin überzeugt, Blatter meint, das, was er tue, sei gut sei und dem Fußball dienlich. So lassen sich auch Interviews erklären, in denen er manche Vorwürfe nicht einmal dementiert. Er ist dermaßen von sich eingenommen, dass er Kritik gar nicht wahrnimmt.

Markus Rodlauer


 

Die Flüchtlingsfrage: Grenzen dicht oder Schranken hoch?

Dieses Mal mit Soziologin Beatrice Achaleke und  Peter Webinger, leitender Beamter im Innenministerium

„Entweder man fügt sich oder man geht“

 

Beatrice Achaleke, geboren in Kamerun, kam 1994 für ihr Soziologiestudium nach Österreich. 20 Jahre später zieht sie ihr Resümee.

 

Sie kamen 1994 zum Studium nach Österreich. Wie sehen Sie die Chancen für Migranten und Flüchtlinge in Österreich?
Viele Migranten sind frustriert, viele sind gut ausgebildet und sind leistungsstark, aber das wird nicht honoriert. Mir geht es auch so. Im vergangenen Jahr wäre ich beinahe delogiert worden, weil ich die Miete nicht mehr zahlen konnte. Ich bin integriert in Österreich und sehe dennoch keine Zukunft hier.

Hat sich in den vergangenen Jahren nichts getan, was auf Besserung hindeutet?
Ich will, dass meine Kinder als normale Menschen gelten, normal aufwachsen und nicht immer den Stempel Migrant auf der Stirn haben. Ich will, dass meine Kinder alles werden können, sogar Präsident. Aber das geht in Österreich nicht. Wenn man merkt, es bewegt sich nichts, dann hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man fügt sich oder man geht. Und ich gehe eben. Österreich und Europa bieten keine Zukunft.

Andere setzen ihr Leben aufs Spiel, um nach Europa zu kommen. Wie soll Europa mit den Flüchtlingsströmen umgehen?
Sicher nicht mit den aktuell diskutierten Varianten. Europa braucht auch nichts kopieren wie etwa von Australien. Die Entwicklungszusammenarbeit ist gescheitert. Europa müsste neue Wege gehen. Einer wäre, auf Augenhöhe mit Afrika Geschäfte zu machen. In Afrika fragt man dich nicht, wo du herkommst, sondern man sagt „schön dass du da bist, lass uns gemeinsam etwas bewegen“.

Erich Vogl

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Peter Webinger ist im Innenministerium für die Themen Asyl, Migration und Menschenrechte zuständig. Im Interview spricht er über die Probleme der Asylpolitik, Schleuser und das richtige Maß von Zuwanderung.

 

 

Nach den Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer ist die Asylpolitik der EU heftig kritisiert worden. Was muss sich ändern?
Wir müssen vor allem die Ursachen anpacken, die Fluchtgründe müssen wegfallen. Das würde bedeuten, dass die politische Situation in den Herkunftsländern stabilisiert, die Wirtschaft gestärkt und die prekäre Sicherheitslage verbessert werden muss. Aber ich gebe zu, dass das eine Diskussion auf der Metaebene ist und sofortiges Handeln gefragt ist.
Wie soll das aussehen?
Wir brauchen mehr legale Zuwanderung und müssen den Schleusern ihre Geschäftsgrundlage entziehen. Die Initiative „Safe Lives" sieht vor, dass die EU bereits in Nordafrika Anlaufstellen einrichtet, wo Asylanträge eingereicht und geprüft werden können.

 

Sehen Sie beim Thema Einwanderung eher die gesellschaftlichen Probleme oder die Vorteile?
Österreich und Europa brauchen die Zuwanderung, um unseren Sozialstaat zu erhalten. Der demografische Wandel gefährdet unser Pensionssystem, unser Pflegesystem aber auch unser Bildungssystem. Wir sind also auf Migranten angewiesen, um unsere Zukunft gestalten zu können. Es kommt aber auf das richtige Maß an. Und da plädiere ich schon für eine gesteuerte Zuwanderung.

 

 

Dennis Meyer

 


 

Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir haben unsere Gäste zum Thema der Woche befragt − kurz, knapp, konkret. Dieses Mal mit Szene-Wirt Heinz Pollischansky (Centimeter, Stiegl-Ambulanz) und Rauchersheriff Dietmar Erlacher zum Thema: Rauchen verboten! Und was kommt als Nächstes?

„Schlimmer als etwas Rauch“

Szene-Wirt Heinz Pollischansky über das generelle Rauchverbot, die Nachteile desselben für Anrainer und den Beisl-Besuch als Therapie.

 

 

Wie sehen Sie das generelle Rauchverbot?
Es ist eine Katastrophe. Es schadet nicht nur den Gastronomen, es schadet auch den Anrainern und den Gästen.

 

Wie ist das zu verstehen?
Viele Leute sitzen alleine zuhause, sie vereinsamen. Jetzt gehen sie ins Beisl – kleine Gastronome sind ja Psychologenersatz –, das werden sie in Zukunft nicht mehr machen: Viele dieser Gäste sind Raucher. Sie werden ausgesperrt. Sie verlieren ihre Therapie. Also muss die Therapie andernorts gesucht werden. Die so entstehenden Gesundheitskosten verteilen sich auf alle.

 

Bei dem Gesetz geht es um den Nichtraucherschutz, auch beim Gastro-Personal. Ist das nicht begrüßenswert?
Arbeitslosigkeit macht mehr krank als das Passivrauchen. Durch das Gesetz werden Arbeitsplätze verloren gehen. Das ist für den Betroffenen schlimmer als etwas Rauch.

 

Ist für Sie Rauchen Teil der österreichischen Kaffee- und Wirtshauskultur?
Jedenfalls. Dazu gehören neben der gemütlichen Atmosphäre Alkohol, Kaffee und eben auch Zigaretten. Was für den einen der Topfenstrudel ist, ist für den anderen die Zigarette. Genuss ist individuell. Aber das Schöne ist ja, dass niemand etwas Bestimmtes konsumieren muss. Es muss niemand in ein verrauchtes Lokal gehen. Wir haben die demokratischste Lösung in der Raucher-Debatte in ganz Europa, Raucher und Nichtraucher sind absolut gleichberechtigt. Warum belassen wir nicht die Demokratie? Warum werden wir zur Diktatur?

 

Interview: Martina Lettner

 

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„Es wird nicht exekutiert“

Dietmar Erlacher, Rauchersheriff und Gesundheitsökonom, über mangelnde Gesetzestreue von Wirten, Zwangsberauchung und Zivilcourage.

 

Warum funktioniert der Nichtraucherschutz in Österreich nicht?
Der Hauptgrund dafür, dass das Tabakgesetz nicht eingehalten wird, ist, dass es nicht exekutiert wird. Viele Wirte denken sich, ihnen könne eh nichts passieren. In vielen Lokalen gibt es zwar räumliche Trennungen, aber in den meisten Betrieben bleiben die Verbindungstüren einfach offen, damit die Kellner schneller durchgehen können und nicht jedes Mal das Tablett abstellen müssen, um die Tür zu öffnen.

 

Wieso sind Sie Rauchersheriff geworden?
Das hat etwas mit Zivilcourage zu tun. Es kann nicht sein, dass in drei Viertel aller Gastronomiebetriebe das Gesetz nicht eingehalten wird. Regeln sind dafür da, dass man sich daran hält. Ich muss mich als Unternehmer auch an Auflagen und gesetzliche Bestimmungen halten. Wieso sollte das ausgerechnet für die Wirte nicht gelten. Noch dazu, wo es um die Gesundheit der Gäste geht.

 

Sie sorgen sich also hauptsächlich um das Wohl Ihrer Mitmenschen?
Als Krebspatient weiß ich wie tückisch diese Krankheit ist. Es steht unbestreitbar fest, dass Tabakrauch Ungeborene schädigt, bei Kindern Allergien und Asthma auslöst, Erwachsene an Krebs erkranken, Herz- und Lungenschäden bekommen. Und trotzdem scheren sich die Wirte nicht um das Gesetz. Es kann nicht sein, dass so viele Menschen durchs Passivrauchen an Krebs erkranken, dass jedes Jahr 1500 Menschen an den Folgen des Passivrauchens sterben, obwohl es Gesetze gibt, die Nichtraucher vor der Zwangsberauchung schützen sollen.

 

Interview: Dennis Meyer


 

Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir haben unsere Gäste zum Thema der Woche befragt − kurz, knapp, konkret. Dieses Mal mit Aktivisten Siegfried Steger und dem Südtiroler Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder zum Thema: Streitfall Südtirol: Ist der Konflikt gelöst?

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„Ich hab mich damit abgefunden, dass ich nur mehr als toter Mann heim kann“

Ob Siegfried Steger ein Freiheitskämpfer oder ein Terrorist war, das ist umstritten. Fest steht, dass er mehrere Jahre lang als Mitglied der Partisanengruppe „Pusterer Buam“ Attentate und Anschläge geplant und durchgeführt hat, um Südtirol von der italienischen Herrschaft zu befreien. Steger wurde in Abwesenheit zu mehreren langjährigen Haftstrafen verurteilt und lebt seit 1961 im Nordtiroler Exil.

 

War es die Opfer wert?
Ich bereue keine Sekunde, dass ich das gemacht hab, keinen Augenblick. Freilich war ich nicht erfreut, dass die Eltern und die Geschwister in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wir haben ja 1961 auch von den Folterungen gehört, das war schrecklich, dann hat sich die Situation verschärft. Nach den Folterungen hat man Opfer in Kauf genommen. Nach den Schüssen auf Klotz, dem Mord an Amplatz waren die Leute niedergeschlagen und verzweifelt, und man hat von niemandem mehr gehört, dass kein Blut vergossen werden darf.
Und es hat sich ausgezahlt. Damals herrschte Angst, Kultur und Brauchtum waren verboten. Jetzt lebt Südtirol auf.

 

Sie waren damals sehr jung, in einem Alter, in dem andere Familien gründen. Wie war das bei Ihnen während Ihrer Zeit als Guerillero?
Ich hab eine Beziehung mit einem Mädel gehabt, hab mich aber nicht gebunden, denn ich hab seit 1959 gewusst, dass ich da mit mach. Da kann man das nicht haben. Das war immer mein Gedankengut, meine Seele, dass es dem Mädchen nicht wehtut. Schließlich war ich schon sehr stark drin.

 

Wie soll es denn Ihrer Meinung nach mit Südtirol weitergehen?
Wieder zurück zu Tirol wär die sauberste Sache, bei dem vielen Leid, das uns die Italiener angetan haben. Auch wenn Italien heute keinen Blödsinn mehr machen kann. Heute haben alle die gleichen Rechte, es wird keiner mehr sekkiert. Ich hab mich damit abgefunden, dass ich nur mehr als toter Mann heim kann.

Interview: Sandra Paweronschitz

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„Aus einem Gegeneinander wurde ein Nebeneinander, später ein Miteinander“

Luis Durnwalder war 25 Jahre lang Landeshauptmann von Südtirol. Sein Vorgänger, Silvius Magnago, hatte die Autonomie verhandelt, er konnte sie umsetzen. Seitdem hat sich in Südtirol vieles verändert. Die Volksgruppen näherten sich an, aber gerade kulturell ist die Trennung nach wie vor zu spüren.

 

Wie schwierig war es für die deutsche und die italienische Volksgruppe, zusammenzuwachsen?
In den 1960er-Jahren herrschte zwischen den Volksgruppen Zwistigkeit, Misstrauen, zum Teil Hass. Mit der Autonomie wussten die Italiener, dass sie Stellen und Gelder abgeben werden müssen. Da spielte auch die Angst vor einer Revanche für alles, was der deutschen Volksgruppe im Faschismus angetan worden ist, mit. Dann haben aber auch die Italiener gesehen, dass Südtirol effektiv verwaltet wird. Dass wir keine Revanche wollen sondern uns bemühen, dass alle – Deutsche, Ladiner und Italiener – die Vorteile der Autonomie zu spüren bekommen: Vollbeschäftigung, Wohlstand für alle. Das Vertrauen ist langsam gewachsen. Aus einem Gegeneinander wurde ein Nebeneinander, später ein Miteinander.

 

Warum wird die Chance zur Zweisprachigkeit nicht genützt?
Im Kulturellen ist die Trennung da, aber gewollt. Wenn die österreichische Minderheit, die in Italien lebt, ihre Kultur nicht pflegt, dann geht sie unter. Eine Minderheit muss immer ihre Eigenarten pflegen. Wir wollen ja nicht den Ladinern oder Italienern ihre Kultur wegnehmen. Niemand soll Angst haben müssen, dass er in die Ecke gedrängt oder assimiliert wird.

 

Vereintes Europa, keine Grenzen – und immer noch die Forderung nach Selbstbestimmung. Wie erklären Sie das?
Früher gab es einen gemeinsamen Gegner: Rom. In den letzten Jahren hat sich die politische Landschaft in Südtirol normalisiert. Unterschiedliche Parteien brauchen ein unterschiedliches politisches Programm und eine Berechtigung, in den Landtag einzuziehen. Je zentralistischer der italienische Staat wird, desto mehr Leute wollen weg von Italien hin zu Österreich oder fordern ein Selbstbestimmungsrecht wie die Katalanen, Basken oder Schotten. Der größte Teil der Bevölkerung ist aber der Meinung, dass man Grenzen heute nicht verschieben, sondern niederreißen soll. Einige Parteien versuchen den Menschen etwas zu verkaufen, was nicht realistisch ist. Selbst wenn sich eine Mehrheit für die Selbstbestimmung ausspricht, braucht man einen Staat, der uns nehmen würde. Italien hat den Vertrag eingehalten. Wieder vor die UNO gehen hat also keinen Sinn. Nicht einmal Deutschland würde uns unterstützen und auch Österreich will nicht vertragsbrüchig werden.

Interview: Sandra Paweronschitz


Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir haben unsere Gäste zum Thema der Woche befragt − kurz, knapp, konkret. Dieses Mal mit Schauspieler Michael Lesch und dem Überlebenden eines SS-Massakers, Argyris Sfountouris, zum Thema: Schrecken ohne Ende: Wann ist Schluss mit dem Griechen-Chaos?

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„Wir pumpen rein und pumpen rein und nichts kommt dabei raus!“

 

Für den Schauspieler Michael Lesch steht fest: Nur mit einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone lässt sich der gordische Schulden-Knoten lösen. Warum die Idee Europas pervertiert worden ist und was er von Reparationsforderungen an Deutschland hält, erklärt er im Interview.

Schauspieler Michael Lesch

 

Die Griechen stehen am Abgrund – sollen wir sie fallen lassen?
Wenn Sie mich so fragen: Ja, wir sollen sie fallen lassen! Ich sehe ohnehin diese ganze Gebilde des Euros sehr kritisch. Ich bin der Ansicht, dass diese Idee eines vereinten Europas pervertiert worden ist – weil 28 Länder, 28 Kulturen, das kann nicht funktionieren! Ich selber sage auch nicht, dass ich Europäer bin, sondern: „Ich bin Deutscher“.

Kann Europa damit rechnen, das Geld jemals wieder zu sehen?
Das Geld ist weg – futsch, aus! Das kann Griechenland nur dann wieder erwirtschaften, wenn es diese Währung verlässt und in eine eigene Währung wieder zurückkehrt, die dann wieder entsprechend viel weniger an Wert besitzt. Und dadurch werden die Waren im internationalen Markt so preiswert, dass man das Olivenöl nicht für sieben Euro pro Liter verkauft, sondern für einen Euro. Dann würde vorwiegend griechisches Olivenöl geordert.

Sehen Sie einen Ausweg aus der griechischen Misere?
Der Ausweg ist, die Griechen zahlungsunfähig werden zu lassen. Die brauchen eine eigene Währung und ein neues Wirtschaftssystem – so einfach muss man das sehen. Sonst ist Griechenland ein Fass ohne Boden, wir pumpen rein und pumpen rein und nichts kommt dabei raus.

Was halten Sie davon, dass die Griechen 279 Milliarden Euro Reparationszahlungen von Deutschland fordern?
Guter Witz, nächste Frage! Dieser Krieg ist jetzt ungefähr 70 Jahre her, und die BRD hat Reparationsforderungen der Griechen erfüllt. Ich meine, so schrecklich dieser Weltkrieg war, aber es kann doch nicht sein, dass wir 70 Jahre nachher immer noch irgendwo wen haben, der sagt „Ich hab auch einen Onkel verloren“! Ganz schrecklich, die bösen, bösen Nazis haben den umgebracht – das ist aberwitzig!

 

Interview: Markus Rodlauer

 

 

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„Deutschland müsste eigentlich aus der Euro-Zone ausscheiden“

 

Argyris Sfountouris, ehemaliger Lehrer und Entwicklungshelfer, überlebte 1944 im Alter von vier Jahren mit knapper Not ein Massaker der SS, bei dem seine Eltern ermordet wurden. Heute lebt der Buchautor in Athen und in der Schweiz.

 

Argyris Sfoutouris

Soll Griechenland in der Eurozone bleiben?
Ja, aber nicht um jeden Preis. Wenn Griechenland aus dem Euro ausscheidet, wäre das auch keine Tragödie.

Wie ist gespannte Verhältnis zu Deutschland zu bewerten?
Ich weiß nicht, wie Deutschland dazu kommt, sich so aufzuspielen gegenüber Griechenland. Vielmehr müsste Deutschland Reparationszahlungen wegen Kriegsverbrechen leisten, statt von den Griechen immer nur zu fordern, sie müssen ihre Schulden zahlen. Schulden zahlen muss für alle gelten, also auch für Deutschland.

Fehlt es an Solidarität in der EU?
Eindeutig. Es mangelt auch an Respekt gegenüber den Südeuropäern, die sehr verunsichert sind. Nicht nur die Griechen. Deutschlands Dominanz ist zu groß. Deutschland müsste eigentlich aus der Euro-Zone ausscheiden, denn sie sind die einzigen, die profitieren.

Was muss Griechenland tun?
Natürlich muss sich auch Griechenland bewegen. Es muss Reformen geben. In der Verwaltung, hier haben wir viel zu viel; aber auch beim Militär. Hier werden Unsummen verschlungen.

 

Interview: Erich Vogl


Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir befragen unsere Gäste zum Thema der Woche − kurz, knapp, konkret. Dieses Mal mit Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier  und der Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits zum Thema Verzogen, verwöhnt, verweichlicht: Braucht unsere Jugend mehr Disziplin?

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„Sie haben vor überhaupt nichts Respekt“

Der Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier über berechnende Jugendliche, Verregelung und das sinnentleerte Leben von Helikoptermüttern.

Bernhard Heinzlmaier

 

Ist zu viel Laissez faire kontraproduktiv für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?
Es gibt heute nicht das Problem des Laissez Faire, im Gegenteil, das zentrale Problem der Zeit besteht in der Verregelung und Normierung des Lebens. Helikoptermütter bestimmen die Szenerie, die ihre Kinder ständig überwachen und sie nicht an das Leben herausrücken wollen. Ein Heer von unselbständigen Kindern und Jugendlichen wird gegenwärtig produziert, das ohne Anleitung weder Lernen und Studieren können wird. Die Eltern werden sich bis weit in das dritte Lebensjahrzehnt um ihre Kinder kümmern und sie werden es gerne und mit Hingabe tun, weil ihr restliches Leben hohl, leer und sinnverlassen ist. Die Arbeit kann keinen Sinn produzieren, also muss die Familie, müssen die Kinder herhalten.

 

Ist unsere Jugend zu verwöhnt und verweichlicht?
Die Jugend unserer Zeit ist in keiner Weise verwöhnt und verweichlicht. Die Mehrheit von ihnen geht beinhart auf das Karriereziel los. Die Jugend ist pragmatisch und zielorientiert. Jedes Mittel ist ihr recht, um ein Ziele zu erreichen. An die Stelle von moralischen Werten ist der Wille zur Macht, der Wille zum Erfolg getreten. Die Jugend ist berechnend. Das berechnende Denken beherrscht sie. Der wichtigste Wert in ihrem Leben ist der Warenwert. Der eigene Vorteil ist alles, die Gemeinschaft hat zur insofern Bedeutung, als sie einen brauchbaren Beitrag zur Realisierung des individuellen Vorteils leisten kann. Der Gemeinschaftsbegriff wird durch den Netzwerkbegriff ersetzt. Netzwerken heißt Kommunikations- und Beziehungsarbeit zum eigenen Vorteil.

 

Mangelt es den Jungen an Respekt und Durchsetzungsvermögen?
Natürlich am Respekt. Sie haben vor überhaupt nichts Respekt, am wenigsten vor Traditionen und kulturellen Werten. Sie sind nicht mehr in der Tradition verwurzelt. Das einzige was zählt, ist die Zukunft.

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„In Österreich sehen 70 Prozent die ,g’sunde Watschen‘ als probates Erziehungsmittel“

Die Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits über Rechte der Kinder, ihre Ablehnung gegenüber Disziplin und die vermeintlich „gsunde Watschn“.

 

Monika Pinterits

Frau Pinterits, mangelt es der heutigen Jugend an Disziplin?
Nein, ganz sicher nicht, und auch ich habe mit Disziplin nichts am Hut! Wie sich das Wort schon anhört, das ist Bundesheer, das ist Schule des vorigen Jahrhunderts! Vielmehr funktioniert Erziehung für mich über Vorbildwirkung. Eltern sind riesige Vorbilder für Kinder. Außer in Notsituationen ist es nie nötig, Hand an Kinder zu legen – etwa, wenn das Kind auf die Straße rennt und ein Auto kommt daher. Wir müssen lernen, die Rechte der Kinder wertzuschätzen.

 

Manche befürchten, derzeit würde eine Generation von Narzissten groß…
Kinder sind nun mal ein Spiegel unserer Gesellschaft. Sollte das der Fall sein, müssen wir also schauen, wie narzisstisch wir selbst unterwegs sind. Mit meiner Erfahrung deckt sich der Narzissmus-Verdacht im Übrigen nicht – im Gegenteil, ich habe mit vielen Kindern aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zu tun, und alle sind sehr unterschiedlich.

 

Immer wieder gibt es in Österreich Fälle von Kindesmisshandlungen. Wie stark verwurzelt ist körperliche Züchtigung in Österreichs Erziehung?
Gemeinsam mit dem Familienministerium haben wir von der Kinder- und Jugendanwaltschaft eine Studie zur Gewaltanwendung in der Erziehung in unterschiedlichen Ländern gemacht. Diese hat ergeben, dass in Österreich 70 Prozent der Befragten tendenziell die „g’sunde Watschen“ als probates Erziehungsmittel ansehen. Das ist ein sehr, sehr hoher Wert. In Österreich ist es allerdings auch verpönt, in Fragen der Erziehung Hilfe zu holen; hier wollen die Eltern immer alles alleine machen, und schaffen sie das nicht, haben sie das Gefühl zu scheitern.


Großer Gott! Wer braucht heute noch die Kirche?

Kreuze in Klassenzimmern, Kirchen in jedem Dorf, Feiertage noch und nöcher: Das Christentum prägte Österreichs Geschichte. Und heute? Befeuert durch Skandale nimmt die Zahl der Gläubigen im einst tief-katholischen Österreich seit Jahren ab. Wer braucht heute noch die Kirche?

Reinhild Rössler, Sprecherin des Netzwerks Pontifex, und Deutschlands jüngster Philosophieprofessor Markus Gabriel über Moral, den Papst und den Zölibat.

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„Wo wird man als Frau so wertgeschätzt wie in der katholischen Kirche?“

Als Mitglied des Mediennetzwerks Pontifex leiht Reinhild Rössler der katholischen Kirche ein junges Gesicht. Im Interview erklärt sie, warum es keine Moral ohne Gott geben kann und warum sie es dennoch versteht, wenn Menschen aus der Kirche austreten. 

 

Reinhild Rössler

Die Kirche und der katholische Glaube fußen auf der Bibel, die vor knapp 2.000 Jahren geschrieben wurde. Kann sie da überhaupt noch auf die Gegenwart angewendet werden?
Christus ist nicht nur für die Menschen von vor 2.000 Jahren gestorben, sondern auch für uns Menschen heute. Seine Botschaften sind heute genauso relevant wie damals.

Bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau hinkt die Kirche aber offenbar dem Zeitgeist hinterher…
Nein, das sehe ich nicht so. Gerade die Kirche ist Anwältin für Frauenrechte. Wo wird man denn als Frau und Mutter so wertgeschätzt wie in der katholischen Kirche? Sie bietet Frauen sehr, sehr viele Möglichkeiten. Ich denke, dass man den Klerus überbewertet, wenn man sich in Fragen der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau immer nur auf das Priesteramt konzentriert. Ich als junge Frau bin jedenfalls sehr froh, dass ich in diesem Verein bin.

Nehmen Sie die konstant hohen Austrittszahlen aus der katholischen Kirche als ein Zeichen für die zunehmende Gottlosigkeit der Gesellschaft wahr?
Ich finde es total gerechtfertigt, aus der Kirche auszutreten, wenn man nicht mehr weiß, wofür die Kirche steht. Deshalb ist die Gesellschaft noch lange nicht gottlos; vielmehr muss die Kirche es schaffen, ihre Werte zu vermitteln und ihre Botschaft unter die Menschen zu bringen. Ich denke aber, dass unsere Gesellschaft viel stärker von der Kirche geprägt ist, als wir das im Alltag wahrnehmen. Meiner Erfahrung nach ist es der Glaube, der Menschen wirklich glücklich und zufrieden zusammenleben lässt. Nur durch ihn entsteht eine Gesellschaft, die Freiheit zulässt und wirklichen Frieden schafft, aufgebaut auf den Grundsätzen der Nächstenliebe und der Gottesliebe.

Interview: Markus Rodlauer

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„… dann ist diese Religion ein Müll!“

Der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands, Markus Gabriel, im Interview: Warum die Kirche den Zölibat dringend abschaffen muss, die Bibel reformiert gehört und wieso Atheisten die Wissenschaft zu ihrem Götzen erwählen.

Philosoph Markus Gabriel

In welchen Punkten muss Papst Franziskus seine Kirche so schnell wie möglich reformieren?
Ganz klar: Er muss den Zölibat und das Defizit des Sexismus aufheben! Das würde schon sehr viele Probleme beseitigen. Leider kann sich das aber kein Papst jemals so schnell trauen. Die Vorstellung, dass Frauen eine geringere Rolle hätten als der Mann, ist biblisch leider sehr gut gedeckt, man findet sie etwa bei Paulus. Diese Vorstellung ist aber so problematisch, dass die Bibel eben abgeschafft gehört, wenn man so etwas aus ihr rauslesen kann, denn dann ist sie de facto Satanswerk, wie wenn sie etwa dazu auffordert, Hexen zu töten!

Sie fordern also, das 2.000 Jahre alte Standardwerk der katholischen Kirche zugunsten des Zeitgeistes zu reformieren?
Auf jeden Fall! Der gegenwärtige Zeitgeist hat da in Bezug auf die Gleichberechtigung einen großen Vorteil: Er hat schlichtweg recht! Sollte das Christentum nicht auf der Idee der radikalen Gleichheit aller Menschen basieren, dann ist diese Religion ein Müll! Die radikale Gleichheit aller Menschen ist die einzig relevante religiöse Idee, die es geben kann. Sonst wüsste ich nicht, was das überhaupt soll, dann müsste man Religionen viel vehementer bekämpfen.

Ist Atheismus letztlich nicht auch nur ein Glaube?
So, wie Atheismus in der Regel auftritt, ist er in der Tat nur ein Glaube – und zwar ein schlechterer als der Theismus. In Wahrheit ist der Atheismus nur ein Glaube, der von sich selbst bestreitet, einer zu sein. Insbesondere der Neo-Atheismus, wie ihn etwa Richard Dawkins vertritt, ist meines Erachtens nur eine ziemlich schlechte Form von Religion. Mich erinnert das an Scientology: Man setzt auf Wissenschaft und denkt, dass man dann fundamental Bescheid weiß. Das ist aber nicht besser als die Verehrung eines Tiergottes. Bereits die Bibel wusste über solche Leute Bescheid und kritisiert dies als Götzenglauben, und in diesem Punkt irrt sie nicht.

Interview: Markus Rodlauer


Vom Musterknaben zum Sorgenkind

Gute Stimmung, hohes Wachstum, neue Jobs. So lautete im Jahr 2005 die wirtschaftliche Analyse. Der deutsche Stern titelte gar "Warum Österreich Spitze ist". Zehn Jahre später macht sich Katerstimmung breit: Der Wirtschaftsmotor stottert, die Staatsschulden liegen auf einem Rekordniveau, die Arbeitslosigkeit steigt. Was ist faul im Staate Österreich?

Claus Raidl, Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, und Bestseller-Autor Alfred Komarek über fehlenden Mut, die Kluft zwischen Arm und Reich und die Mentalität der Österreicher.

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"Wir sind ein neidiges Volk"

Claus Raidl, Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, über Österreichs Zukunft, fehlenden Mut auf der Regierungsbank und die Mentalität der Österreicher.

OeNB-Präsident Claus Raidl

Welche Erwartungen haben Sie an die Steuerreform?
Ich glaube nicht, dass die Steuerreform viel bewegen wird. Wenn man die unteren Einkommen entlastet, könnte man den Konsum beleben, das ist wichtig in wirtschaftlich schwachen Zeiten, aber auch schon alles. An den großen Problemen wird sie nichts ändern.

 

Ist Österreich „abgesandelt“?
Wir verlieren überall, in allen Rankings, beim Wirtschaftswachstum, bei der Arbeitslosenquote, beim Budgetdefizit, den Staatsschulden. Wir sind in den letzten zwei, drei Jahren stark zurückgefallen. Unserer Regierung fehlt der Mut zu Reformen. Österreich ist erstarrt. Und das seit Jahren, siehe Verwaltungsreform und Föderalismusdebatte. Freilich sind dies langfristige Projekte, aber wäre man das vor fünf Jahren angegangen, hätte man jetzt schon Ergebnisse.

 

Hängt der Reformstau auch mit der österreichischen Mentalität zusammen?
Wir sind leider kein unternehmerisch denkendes Volk. Wir sagen nicht ehrlich: ‚Ich will Geld und Erfolg haben.‘ Obwohl wir das freilich wollen. Der Umgang ist sehr verschämt. Wenn jemand erfolgreich ist, wird er argwöhnisch angeblickt. Und beneidet. Wir sind ein neidisches Volk.

Interview: Martina Lettner

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"Das nagt am Selbstbewusstsein"

Schriftsteller Alfred Komarek über das Wesen der Österreicher, ihre Einstellung zu Leistung und die Kluft zwischen Arm und Reich.

Bestseller-Autor Alfred Komarek

Wie würden Sie die österreichische Mentalität beschreiben?
Der Österreicher muss damit fertig werden, dass er ein Österreicher ist. Er hat die Monarchie verloren, er hat das Kaiserreich und den Kaiser verloren. Das nagt am Selbstbewusstsein. Dieses muss er nun unter Rahmenbedingungen, die nicht leicht sind, wieder aufbauen. Österreich in seiner aktuellen Form ist ja noch jung. Der Österreicher muss also auch damit leben, dass die Bundesländer sehr verschieden sind. Ein Wiener wird ein völlig anderes Selbstverständnis haben als ein Vorarlberger.

 

Wie stehen Sie zu den Überlegungen, via Erbschaftssteuer das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich zu mindern?
Das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich ist zu groß in Österreich. Das steht außer Frage. Eine Erbschaftssteuer macht da aber wenig aus, sie wird wenig an der Situation ändern. Es ist ohnehin viel gescheiter, arm zu sterben und den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, statt Reichtum anzuhäufen.

 

Wie sehen Sie die Einstellung zu Arbeit und Leistung?
Wir sind durchaus ernsthaft und uns dessen bewusst, was sein muss. Was es nicht gibt, ist ein verbissener Ehrgeiz, der Österreicher ist immer etwas unzufrieden mit dem, was er hat. Gleichzeitig ist er aber sehr begabt darin, ein gutes Leben zu führen und es zu genießen. Wir sind bei der Arbeit nicht mit demselben todernsten Pflichtbewusstsein dabei wie der große Nachbar. Wenn sich ein Österreicher in die Arbeit schmeißt, dann ohne es an die große Glocke zu hängen. Ist man erfolgreich, geniert man sich fast ein bisserl. Es gibt schon ein absichtliches „Sich-klein-Machen“.

Interview: Martina Lettner


Verordnungswahn: Wer zerstört unsere Esskultur?

Allergene gelten als Auslöser für 90 Prozent aller Allergien. Um Allergikern das Leben zu vereinfachen, muss nun auf diese Stoffe hingewiesen werden, in Supermärkten, beim Bäcker, auch im Restaurant, so will es die EU. Experten befürchten, dass die Zahl der eingebildeten Lebensmittelallergien durch die Kennzeichnungspflicht weiter zunehmen wird. Was steckt hinter der Allergen-Hysterie? Ist die Informationspflicht mehr Schikane als Schutz?

Ernährungsexpertin Ingrid Kiefer und Gastronom Josef Haueis über Sinn und Unsinn der neuen Kennzeichnungspflicht. Mehr zum Allergene-Talk finden Sie hier.

    

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"Freiwillige Warnhinweise"

 

Ingrid Kiefer, Ernährungsexpertin der Gesundheitsagentur AGES, über Sinn und Unsinn der Kennzeichnungspflicht.

   

Ingrid Kiefer, AGES

Bringen die neuen Lebensmittelkennzeichnungen mehr Sicherheit für Allergiker?
Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist ein viel diskutiertes und beforschtes Gebiet und wesentlich für unsere Gesundheit sowie unser Wohlbefinden. Im Grunde haben wir mit der Ernährungspyramide, die zeigt in welchen Mengen man welche Lebensmittel zu sich nehmen sollte, eine einfache Anleitung dafür. Menschen mit Nahrungsmittel-Allergien und -Unverträglichkeiten müssen allerdings auf einige der empfohlenen Lebensmittel verzichten und brauchen entsprechende Hilfestellung.

 

Sind die neuen Regeln eine Reaktion auf die Erwartungen der Verbraucher?
Seitens der europäischen Behörden wird laufend engagiert daran gearbeitet, die Orientierung bezüglich Angaben und Warnhinweisen im Sinne der Konsumenten zu vereinheitlichen und zu verbessern. Die neue EU-Vorschrift will nun die Zusammensetzung eines Lebensmittels für Konsumenten noch transparenter machen. Sie besagt unter anderem, dass Stoffe, die Allergien auslösen können, besonders hervorgehoben werden müssen. Das gilt ab Dezember des letzten Jahres auch für lose Waren, da bis dato ein Einkauf beispielsweise beim Bäcker oder ein Restaurantbesuch für Allergiker nach wie vor schwierig war. Durch die neue Allergeninformationsverordnung (BGBl II Nr. 175/2014) hat man hier also einen wesentlichen Schritt getan, um den Bedürfnissen von Allergikern nachzukommen.

 

Wie kann man das Risiko versteckter Allergene weiter minimieren?
Über diese gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststandards hinaus werden von der Industrie zunehmend auch freiwillige Warnhinweise auf den Verpackungen angegeben. Denn: Die Kennzeichnungsvorschriften regeln Bestandteile von Lebensmitteln, die bewusst beigemengt wurden. Allergieauslöser können aber aufgrund von Kontaminationen im Produktionsprozess, im Zuge des Transports oder der Lagerung auch unbeabsichtigt – "versteckt" – enthalten sein. So können beispielsweise Spuren von Nüssen in Vollmilchschokolade sein, Erdnüsse in Fertigsaucen oder das Milchprotein Kasein in Extrawurst. Durch den Hinweis „kann Spuren von … enthalten“, der der Produkthaftung dient, kann dieses Restrisiko zwar weiter gesenkt werden; der Hinweis kann aber ebenso als Marketingtool missbraucht werden.

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"Mitunter giftig"

Für den Tiroler Gastronomen Josef Haueis ist die Kennzeichnungspflicht ein Graus: Sie mache aus einer Speisekarte ein medizinisches Kleinschlachtfeld.

Gastronom Josef Haueis

Was halten Sie von der Allergenkennzeichnungspflicht in der Gastronomie?
Ich als Wirt kann nicht überprüfen, welche Inhaltsstoffe etwa in dem Olivenöl drin sind, das ich zum Kochen verwende. Ich bin aber derjenige, der im Fall der Fälle bestraft wird. In Wahrheit ist diese Verordnung schlicht nicht umzusetzen. Die EU ruiniert mit solch bürokratischem Aufwand die Gastronomie. Eine neue Speisekarte zu machen, dauert so drei bis vier Stunden. So wird aus einer Speisekarte ein medizinisches Kleinschlachtfeld.

Denken Sie, dass es zu weiteren Vorschriften kommen wird?
Ich glaube, die Allergenkennzeichnung ist nur der erste Schritt. Als nächstes werden wir Kalorien ausweisen müssen. Aber wie soll man das kontrollieren? Ein Kochrezept ist nicht wie ein medizinisches Rezept, die Grundzutaten verändern sich. Mehl etwa ist nicht immer gleich, es gibt verschiedene Reifegrade. Das ist eine ganz schwierige Angelegenheit.

Wie reagieren Ihre Gäste auf die neuen Vorschriften zur Kennzeichnung von Lebensmitteln?
Meine Gäste sind verunsichert, sie fragen: „Was sollen wir mit den ganzen Buchstaben?“. Die glauben, alles, was da angeführt wird, ist mitunter giftig.


Profitquelle Wasser: Warum reicht sie nicht für alle?

Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir befragen unsere Gäste zum Thema der Woche - kurz, knapp, konkret.
Dieses Mal: Greenpeace-Aktivistin Nunu Kaller und Siedlungswasser-Experte Max Dohmann.
Mehr zum Wasser-Talk finden Sie hier.

"Wir essen die Fische"

Nunu Kaller beschäftigt sich als Bloggerin, Journalistin und Konsumentensprecherin von Greenpeace mit Wasser - in all seinen Facetten.

In Österreich gibt es viel sauberes Wasser, gute Trinkwasserreserven. Ist bei uns die Welt noch in Ordnung?
Ich glaube, dass sich die wenigsten Menschen bewusst sind, wie viel Wasser sie verbrauchen, wie viel Wasser sie durch ihren Lebensstil verbrauchen. Es gibt dazu Berechnungen des virtuellen Wasserverbrauchs, wie viel Wasser etwa zur Herstellung einzelner Produkte benötigt wird. Alleine mit dem Wasser, dass zur Herstellung aller Stücke in unserem Kleiderkasten benötigt wurde, können wir alle die Therme Oberlaa füllen. Für viele Produkte ist der Wassereinsatz viel viel höher, als wir vermuten würden. Alleine durch unseren Konsum per se gehen wir verschwenderisch mit Wasser um. Wir leben in einer Konsumgesellschaft und die Herstellung vieler Produkte, die wir kaufen, obwohl wir sie eigentlich gar nicht brauchen, verbraucht extrem viele Ressourcen.

Was ist das gefährliche an Mikroplastik?
Tonnen dieser kleinen und kleinsten Plastikteile gelangen in unsere Gewässer, weil sie von den Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können. Diese werden dann von Lebewesen, Plankton und Fischen verschluckt. Das Gefährliche daran  ist, dass sich an diese kleinen Teilchen Giftstoffe wie Pestizide, Weichmacher, Flammschutzmittel, Duftstoffe und auch Schwermetalle festsetzen und anreichern, die dann gefressen werden. Wir essen dann die Fische. So kommen diese Stoffe auch in unsere Nahrungskette.

Sie engagieren sich für eine umweltverträglichere Textilindustrie. Wo liegen hier die Probleme?
Die Bedingungen, unter denen, vor allem in Asien, Textilien hergestellt, gefärbt, gebleicht, Jeans sandgestrahlt werden, sind unvorstellbar schädlich für die Menschen, die diese Arbeit verrichten, als auch für die Umwelt rund um diese Produktionsstätten. Was viele Konsumenten nicht wissen ist, dass auch die Belastung für unsere heimische Abwasseraufbereitung immens ist, wenn diese Textilien das erste Mal gewaschen werden. Diese Chemikalien sind persistent, also dauerhaft schädlich, durch keine Kläranlage zu entfernen.

"Private können diese Lücke füllen"

Max Dohmann steht mehreren Forschungs- und Entwicklungsinstituten für Wasser- und Abwassertechnik vor und war Lehrstuhlinhaber sowie Direktor des Instituts für Siedlungswasserwirtschaft der RWTH Aachen.

Siedlungswasser-Experte Max Dohmann

Sollte die Wasserver- und Abwasserentsorgung besser in der Hand von privaten Unternehmen oder in der Hand der Kommunen sein?
Die Wasserversorgung ist ein wichtiger Faktor der Vorsorge und damit eine Aufgabe für die Kommunen. Das ist ja nichts für den Augenblick, sondern eine Investition auf Dauer. Sie errichten keine Versorgungssysteme, die Sie morgen wieder vergessen können, sondern diese Projekte sind auf lange Sicht angelegt, auf Jahrzehnte.

Und deshalb ist es wenig sinnvoll, das in private Hände zu legen?
So effizient der private Unternehmer auch arbeiten mag, und welche Vorteile er auch hat gegenüber öffentlich-rechtlichen Institutionen, wenn es darum geht, Dinge zu optimieren, Kosten zu minimieren: Er muss sein Unternehmen gewinnbringend führen. Das ist sehr schlecht auf Jahrzehnte kalkulierbar.
Investieren heißt, dass man sich das Geld auch wieder zurückholen, das Geld wieder verdienen will. So hat sich die Wasserversorgung z.B. in England oder auch Berlin verteuert, was dazu geführt hat, dass sich die Kommunen die Wasserversorgung wieder zurückgekauft haben. In Entwicklungsländern fehlt allerdings oft die öffentlich-rechtliche Struktur, die man für eine gute Versorgung der Bevölkerung brauchen würde, Private können diese Lücke füllen.

Wie sauber kommen die Abwässer aus der Kläranlage?
Die Verschmutzung wird entfernt, aber nie zu 100 Prozent. Theoretisch ist es möglich, dass aus Abwasser Trinkwasser wird, praktisch wird das aber so gut wie nie umgesetzt.


Grippewelle und Masernfälle: Schützt Impfen wirklich?

Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir befragen unsere Gäste zum Thema der Woche - kurz, knapp, konkret. Dieses Mal: Arzt und Impfkritiker Johann Loibner und Maria Kletecka-Pulker, Leiterin des Institutes für Ethik und Recht in der Medizin. Mehr zum Thema finden Sie hier.

"Kritiker hängen sich an Einzelfällen auf"

Maria Kletecka-Pulker ist die Leiterin des Institutes für Ethik und Recht in der Medizin in Wien. Die Juristin befürwortet Impfen.

Maria Kletecka-Pulker

Inwieweit kann man den Einzelnen dazu verpflichten, sich impfen zu lassen?
Ich persönlich stehe zur Verantwortung der Individuen – und da kann man durchaus weiter gehen, als dies heute der Fall ist. Für bestimmte Berufsgruppen kann mir zum Beispiel auch eine Impfpflicht vorstellen. Wer in einem Pflegeheim oder auf der Intensivstation arbeitet, steht in Kontakt mit Menschen mit schwachem Immunsystem, die sich selbst nicht durch Impfungen schützen können. Eine Impfpflicht für Mitarbeiter im Gesundheits- und Sozialwesen wäre daher durchaus adäquat.

Wie kann man die Impfbegeisterung der Bevölkerung steigern?
In skandinavischen Ländern wird man sanktioniert, wenn man Impfungen verweigert. Dann kriegt man gewisse Sozialleistungen nicht. Das wäre auch für Österreich vorstellbar.

Unter den Impfgegnern finden sich auch immer mehr Ärzte. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Meiner Meinung nach liegt das an der Unkenntnis der Grunderkrankungen. Es fehlt der Kontakt zu Menschen, die selbst eine schwere Erkrankung durchgemacht haben. Man erinnere sich nur an die Spanische Grippe, die 1918 Millionen Menschen dahingerafft hat. Viele Impfgegner wissen auch nicht, dass jedes Jahr Kinder an Meningokokken sterben. Im Einzelfall können natürlich Komplikationen durch Impfungen auftreten, das ist dann sicherlich dramatisch. Dabei handelt es sich um wenige Einzelfälle, bei denen die medizinisch gewünschte Wirkung nicht eintritt. An diesen Einzelfällen hängen sich die Kritiker dann auf.

"Impfen macht krank und schützt nie"

Der Allgemeinmediziner Johann Loibner sieht Impfen kritisch.

Johann Loibner

Die Ärztekammer hat über Sie 2009 ein lebenslanges Berufsverbot als Arzt verhängt, da Sie den Nutzen von Impfungen öffentlich in Frage gestellt haben. Der VwGH hat das Verbot 2013 mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Ist die Medizin zu konsenssüchtig?
Seit der Zeit der ersten Pockenimpfungen haben Ärzte gegen den Akt des Impfens protestiert, aber nie zuvor in der Geschichte hat ein Arzt wegen seiner Impfskepsis ein Berufsverbot erhalten. Das ist einmalig! Das geschah übrigens nicht auf Betreiben der Ärztekammer, sondern nach Weisung der damaligen Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky. Ich kann das verstehen: Beim Impfen geht es um das große Geld. Das gesamte Impfwesen stellt locker verdientes Geld dar, und der Staat ermöglicht es der Pharmaindustrie, diesen Schatz zu heben. Nicht einmal für Impfschäden kommt die Industrie auf – selbst das zahlt der Staat! So ein Geschäft gibt es sonst nirgends, die Pharmaunternehmen können Produkte auf den Markt bringen und der Staat haftet dafür! Ich bin im Übrigen bei weitem nicht der einzige Arzt, der dem Impfen sehr skeptisch gegenüber steht. Ich kann 200 Ärzte nennen, die meine Meinung teilen. Seit meinem Berufsverbot traut sich aber niemand mehr, den Mund aufzumachen. Seitdem sind die Ärzte geschockt und allesamt knieweich.

Derzeit grassieren sowohl in den USA als auch in Deutschland die Masern. Die meisten Ärzte führen das auf die zunehmende Impfmüdigkeit der Bevölkerung zurück. Können Sie dem etwas abgewinnen?
Ärzte, Medien und Gesundheitsbehörden machen aus einem kleinen Masernausbruch in der öffentlichen Debatte eine Epidemie. Kalifornien etwa hat mehr als zehn Millionen Einwohner – bei dieser Bevölkerungszahl sind 100 Masernfälle wirklich nicht der Rede wert! In Österreich etwa haben wir in den letzten zehn Jahren nicht einmal 500 Masernfälle gehabt; da von einer Epidemie zu sprechen, ist schlicht gelogen. Die Zahlen untermauern das Behauptete schlicht nicht. Abgesehen davon: Sowohl bei uns als auch in den USA verlaufen die Masern doch völlig harmlos. In unseren Breiten sind die Masern schlicht nicht gefährlich. Gefährlich sind sie dort, wo die Menschen hungern – etwa in Afrika oder in Asien. Die Masern sind nur deshalb seit 2002 meldepflichtig, damit man nur ja genügend Fälle findet, um diese erfundene Epidemie belegen zu können.

Was für Motive vermuten Sie hinter diesen Behauptungen?
60 Prozent der Österreicher sind inzwischen impfskeptisch geworden, immer weniger Menschen lassen sich also impfen. Eine stattliche Anzahl von Amtsärzten lebt aber von Impfungen – das ist nun wirklich kein Geheimnis, dass schlicht wirtschaftliche Interessen hinter diesen Behauptungen stecken. Diese These vom Herdenschutz, wonach sich 95 Prozent der Bevölkerung impfen lassen müssen, um die Ausbreitung einer Krankheit zu vermeiden, ist ganz einfach niemals bewiesen worden und stimmt schlicht nicht. Schließlich treten Krankheiten nicht deshalb auf, weil sich jemand nicht impfen hat lassen! Krankheiten haben ganz andere Gründe…

Welche Gründe wären das?
Es ist ein Fakt, dass Krankheiten in ärmlichen Ländern weit häufiger auftreten. Masern etwa sind doch in Wahrheit eine Erkältungskrankheit, die einen bestehenden Vitaminmangel voraussetzt. Nicht umsonst empfiehlt die WHO, Maserninfizierte mit Vitamin A zu behandeln. Krankheiten haben immer einen Ernährungsmangel oder Vitalstoffmangel als Ursache. Im Lehrbuch steht das natürlich ganz anders – da wird als Ursache ausschließlich das Virus angeführt.


Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir befragen unsere Gäste zum Thema der Woche - kurz, knapp, konkret. Dieses Mal: Susanne Scholl und Gerhard Haderer zum Thema Europas Extremisten - Wie gefährdet ist Österreich?

Susanne Scholl gilt als Grand Dame des Auslandsjournalismus. Neben ihrer langjährigen Tätigkeit als Russland-Korrespondentin und Buchautorin setzt sie sich auch intensiv für mehr Menschlichkeit in der Flüchtlingsthematik ein.

Sie treten in Ihren Kommentaren und Analysen vehement für mehr Solidarität mit Flüchtlingen ein, und ernten dafür häufig Kritik von Lesern. Wie erklären Sie sich das?
Leider herrscht in Österreich immer noch die Mentalität der Insel der Seligen vor. Wir glauben, wir müssten uns um nichts kümmern, und alles um uns herum ginge uns nichts an. Ich halte es für notwendig, dass hier ein Umdenken stattfindet. Das alles ist aber kein rein österreichisches, sondern primär ein europäisches Problem. Wir haben in Europa einen gewissen Wohlstandslevel erreicht. Den wollen wir uns nicht wegnehmen lassen, obwohl wir wirklich mehr als genug hätten, um das auch mit ein paar anderen zu teilen.

Das bedeutet, die EU sollte mehr Engagement z.B. in der Syrien-Problematik zeigen?
Eindeutig - aber nicht nur in Syrien und Tschetschenien, sondern etwa auch in Nigeria. Zurecht gehen Millionen Menschen nach den Anschlägen in Paris auf die Straße; wenn aber in Afrika tausende Menschen von der Boko Haram abgeschlachtet werden, bleibt die Reaktion aus. Das ist für mich unerklärlich. Was in Frankreich passiert ist, hat übrigens auch sehr viel mit der gescheiterten französischen Sozialpolitik zu tun. Die Banlieues haben schon vor Jahren gebrannt, und seither ist nichts passiert, um die Lage zu bessern. Die Lage eskaliert aber auch deshalb, weil wir uns wieder einmal ein gemeinsames Feindbild konstruiert haben. Mit diesem Feindbild werden dann Millionen von Menschen belegt, die mit den Mördern nichts, aber auch gar nichts gemein haben. Das grenzt aus.

Manche Kritiker befürchten, wir würden mit den Flüchtlingen auch die Gewalt und den Terror aus den Herkunftsländern importieren...
Dem kann ich gar nichts abgewinnen. Was wir importieren, ist unsere Angst vor dem Leid der Anderen - wir wollen schlicht nicht mit dem konfrontiert werden, was anderswo passiert. Denn dann müssten wir uns auch damit auseinandersetzen. Einfach zu sagen "Die sind alle kriminell" bewahrt uns davor. Tatsächlich handelt es sich aber um schwer traumatisierte Menschen, die Kriege erlebt haben, vor deren Verantwortung wir uns loskaufen. Wir haben die Waffen geliefert, wollen uns aber nicht um die Menschen kümmern.

Hat auch ihre eigene familiäre Geschichte zu Ihrer Sichtweise beigetragen?
Mit Sicherheit! Ich komme aus einer Familie, die Opfer von Verfolgung und Vernichtung geworden ist; meine Großeltern wurden ermordet. Natürlich prägt einen das, natürlich hat man dadurch mehr Empathie für Menschen auf der Flucht vor Folter und Tod als wenn mit so etwas niemals konfrontiert wurde. Ich finde es ganz wichtig, diese Dinge mehr zu thematisieren. Man muss den Menschen sagen: "Ihr seid nicht in einer so sicheren Blase, wie ihr immer glaubt. Was denkt ihr denn, wie es euch einmal ergehen würde, wenn ihr einmal in diese Situation kämt?"

Gerhard Haderer ist österreichischer Karikaturist und Religionskritiker.

Wie stehen Sie zu den Reaktionen des Westens auf die Attentate in Paris?
Die Diskussion wird seither völlig falsch geführt. Und zwar darf sie nicht religiös geführt werden, sondern politisch. Die 290 Millionen, die Österreich jetzt in die Sicherheit investieren will, sind falsch eingesetzt. Nicht für Militär oder Polizei soll man das Geld ausgeben, sondern für soziale Bildung.

Wie viel Religion verträgt die Gesellschaft?
Die Gesellschaft verträgt viele Religionen, eine Demokratie muss eine möglichst große Vielfalt aushalten. Aber fest steht für mich auch: Die Gesellschaft braucht keine Religionen.

Wie sollten Religionen mit Satire umgehen?
Die Aufregung der Kirche über Karikaturen offenbar ja nur die Humorlosigkeit der Religionen. Ich habe das Gefühl, dass es in manchen Religionen ein Humorverbot gibt. Dabei ist Intelligenz mit Humor stark verbunden. Vor allem die Selbstironie ist ein Zeichen von reflexiver Intelligenz. Das kann ich - zumindest bei der Katholischen Kirche und beim Islam - nicht erkennen. Eher das ganze Gegenteil.


Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir befragen unsere Gäste zum Thema der Woche - kurz, knapp, konkret. Dieses Mal: Herta Däubler-Gmelin und Rudolf Taschner zum Thema Das Diktat der Daten - Verliert die Gesellschaft die Kontrolle?

Herta Däubler-Gmelin, frühere deutsche Justizministerin im Kabinett Schröder:

Wo sehen Sie die größten Probleme beim Umgang mit persönlichen Daten im Internet?
Wir verfolgen alle das Ideal, mündige Bürger zu sein. Das trifft jedoch im Umgang mit Daten leider längst nicht für alle und überall zu. Viele von uns  nutzen die Dienste von Google und Co., haben aber keine Ahnung davon, welche Programme im Hintergrund laufen, die unsere Nutzerdaten sammeln, archivieren und analysieren und dann weiterverwenden, auch weiter verkaufen. Wir zahlen nicht mit Geld, sondern mit Informationen über uns, die uns dann manipulieren oder auch einengen können. Das ist ein großes Problem.

Große Internetunternehmen sollen immer wieder mit Geheimdiensten kooperieren. Wie sehen Sie diese Beziehung?
Ich sehe das höchst kritisch. Es geht dabei nicht nur um Informationen, die von Geheimdiensten gesammelt, gespeichert und ausgewertet werden. Vielmehr tauschen Unternehmen und Geheimdienste durchaus auch Experten und mit den Experten logischerweise auch Wissen aus.  Schon bei der Entwicklung der Programme arbeiten die Geheimdienste oft mit und schauen dabei genau darauf, dass es Schwachstellen gibt, an denen sie mit ihren Spähprogrammen andocken können. Natürlich müssen die Geheimdienste ihre Arbeit machen und für die Sicherheit der Bürger ihres Landes sorgen. Freiheit ist ohne Schutz nicht möglich. Aber damit lässt sich nicht die umfassende Beschneidung der Freiheiten entschuldigen, wie wir sie beim NSA-Skandal erlebt haben. Und da gibt es ja auch noch andere aktive Dienste, die vergleichbar vorgehen.

Welche Gefahren gehen direkt von den Internetriesen aus?
Sie sind durch uns Bürger nicht mehr kontrollierbar und durch - nationale - staatliche Stellen auch nicht. Außerdem gefährden sie durch ihre Marktmacht den Wettbewerb. Hier müssen harte Regelungen her – wir brauchen eigentlich global gültige Regelungen, weil ja auch das Internet global ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang die im vergangenen November von Deutschland und Brasilien eingebrachte UN-Resolution, die darauf abzielt, Datenspionage als Verstoß gegen die Menschenrechte zu behandeln. Das ist zumindest mal der Beginn einer globalen Regelung, auch wenn eine rechtliche Verbindlichkeit noch nicht absehbar ist.

Rudolf Taschner, Professor für Mathematik an der TU Wien:

Wie sicher sind unsere Daten im Internet?
So sicher wie auf einer Postkarte: Jeder, der sie in die Hände bekommt, kann die Daten lesen. Daran ist ja nichts Verwerfliches, früher hat man ja auch Postkarten geschrieben. Wenn ich aber nicht will, dass jemand etwas von mir weiß, dann sollte ich es für mich behalten.

Das klingt einfach, ist in der Realität aber doch recht schwer. Wie soll man online ein Buch bestellen, ohne private Daten und Vorlieben preiszugeben?
Egal, wo Sie das Buch bestellen, werden Sie Ihre Daten und Vorlieben verraten. Online erfährt es halt ein Konzern wie Amazon, im Buchgeschäft geben Sie diese Daten einem Buchhändler. Das ist uns meistens sympathischer, weil er zwei Augen und eine Seele hat. Wir fühlen uns sicherer, wenn wir etwas einer Einzelperson anvertrauen und nicht einer Interessensgruppe. Im Grunde ist es aber das Gleiche.  Ich habe keine großen Hemmungen zu verraten, dass ich lieber im Kaffeehaus sitze, als Sport zu treiben. Das darf auch Amazon wissen. Wenn man etwas zu verbergen hat, dann sollte man verschlüsseln.

So liegt die Verantwortung allein beim Internetnutzer. Gibt es für Datensammler wie Unternehmen und Staaten Ihrer Meinung nach moralische Grenzen?
Moral ist etwas Individuelles, sie ist an Personen gebunden. Ein Unternehmen, ein Staat muss nicht moralisch sein, er hat Prinzipien und Interessen. Diese muss er verfolgen. Es gibt kein Gewissen von Österreich. Es ist klar, dass ein Geheimdienst alles in seiner Macht stehende tut, um sein Land zu schützen, also auch alle Daten, derer er habhaft wird, analysiert.


Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir befragen unsere Gäste zum Thema der Woche - kurz, knapp, konkret. Dieses Mal: Wolfgang Gerke und Gottfried Haber zum Thema Das Hypo-Debakel - Und wieder gibt es keine Konsequenzen?

Drei Fragen an Wolfgang Gerke:

Wie beurteilen Sie die Vorgänge um die Kärntner Hypo und die BayernLB?
Bei der Hochzeit haben die Kärntner die Braut geschmückt und die Bayern sich blenden lassen. Bei der Scheidung haben die Bayern gepoltert und die Österreicher gekuscht.

Kann die Politik ein guter Bankmanager sein?
Der gesunde Menschenverstand gilt nicht in der Politik. Wie ist es sonst erklärbar, dass ein Bundesland für eine Bank mit dem zehnfachen ihres Jahresbudgets in die Haftung geht...

Ist das ein rein österreichisches Phänomen?
Politisierte Banken sind Zeitbomben für die Steuerzahler. Deutsche Landesbanken von der abgewickelten WestLB bis zur SachsenLB sind hierfür ebenso traurige Belege wie die Kärntner Hypo-Alpe-Adria.

Drei Fragen an Gottfried Haber:

Was ist bei der Hypo-Rettung schief gelaufen?
Mit der Hypo-Rettung war die Politik unter enormen Zeitdruck - und klar überfordert.

Warum wurde die Bank verstaatlicht?
Bei der Notverstaatlichung haben alle noch geglaubt, dass am Ende noch etwas übrig bleiben wird.

Hätte es Alternativen zur Rettung der Hypo gegeben?
Die Landeshaftungen haben eine Insolvenz de facto unmöglich gemacht.


Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir befragen unsere Gäste zum Thema der Woche - kurz, knapp, konkret. Dieses Mal: Walter Riester und Hans-Werner Sinn zum Thema Die machtlose Jugend - Droht die Diktatur der Alten?

Der frühere deutsche Arbeitsminister und Wahl-Kärntner Walter Riester über das Pensionsparadies Österreich:

Wie sehen Sie das Pensionssystem in Österreich?
Die Diskussion ist längst überfällig. Österreich ist für mich ein ausgeprägtes Pensionistenparadies. Auf allen Ebenen: Deutschland hat nicht im Ansatz dieses Ausmaß an Pensionisten-Vereinigungen, in Österreich sind das übermächtige Vereinigungen. Mächtiger als in Deutschland, ganz klar! Deswegen tut sich Österreich in der Diskussion auch schwerer. Auch die Frühpensionsdebatte ist problematischer als in Deutschland. Wenn ein Eisenbahner sagt, er möchte länger arbeiten, ist er ja schon verdächtig.

Ist die österreichische Politik in der Pensionsfrage fahrlässig?
Ich würde eher nachlässig als fahrlässig sagen. Wenn ich in Deutschland sage, dass es in Österreich zwar 12 Monate, aber 14 Pensionen gibt, dann schauen mich alle an, als ob ich spinne. Völlig unvorstellbar! Das ist der Pensionisten-Himmel in Österreich.

Was raten Sie der jungen Generation?
Es ist notwendig, auch selbst für Rücklagen zu sorgen. Es ist nicht einfach, aber es führt kein Weg daran vorbei. Wer eine staatlich geförderte, ergänzende Rücklagenbildung frühzeitig macht, hat es viel einfacher als wenn er das mit 45 angeht und grad nur noch die Hälfte Zeit hat. Sich nur darauf zu berufen, dass in Österreich starke Seniorenverbände da sind, das ist zu wenig.

Für Hans-Werner Sinn, Ökonom und Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, leben wir bereits in einer Gerontokratie, einer Herrschaft der Alten:

Liegt die Lösung des Problems der Rentenfinanzierung in einer längeren Lebensarbeitszeit?
Ich wäre dafür, das gesetzliche Rentenalter zu streichen. Man müsste endlich das Rentensystem fair gestalten und die Leute nicht dafür bestrafen, dass sie länger arbeiten. Die, die später in Rente gehen, sollen nicht insgesamt weniger Rente kriegen. Man muss für das, was sich die Rentenversicherung in jedem Jahr spart, für die anderen Jahre im Ruhestand entsprechend mehr erhalten. Es sollte dem Menschen selbst überlassen werden, über wie viele Jahre er sich seine Rente aufteilt.

Also weniger Automatismus und mehr Selbstverantwortung?
Genau. Ich habe nichts dagegen, wenn die Leute früher in die Rente wollen. Sollen sie gehen. Ich würde diese Renten aber so gestalten, dass es den Staat nichts kostet. Da würden dann manche überlegen, ob sie nicht doch länger arbeiten. Andere würden dann vielleicht gerne etwas länger arbeiten und dafür belohnt werden.

Womit muss ein heute 30-Jähriger rechnen, wenn er ins Pensionsalter kommt?
Der 30-Jährige muss jetzt erst einmal ordentlich zahlen für die heute 50-Jährigen. Ob er dann eine Rente bekommt hängt davon ab, ob er Kinder hat oder nicht. Aber da die 30-Jährigen wenige Kinder bekommen, sieht es schlecht aus. Er muss also ein Leben lang viel zahlen und bekommt am Ende wenig raus.

Aktuelle Probleme, aktuelle Antworten: Wir haben unsere Gäste zum Thema der Woche befragt − kurz, knapp, konkret. Dieses Mal mit Jan Oliver Huber, Generalsekretär des Verbandes pharmazeutischer Industrie und Cornelia Stolze, Biologin und Autorin, zum Thema: Pillen für alle Fälle - machen uns Medikamente krank?

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