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Klassenmedizin, Ärztemangel und Corona: Steht das Gesundheitssystem vor dem Kollaps?

18. Nov.
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© ServusTV / ON Media

Personalmangel, der Anstieg chronischer Krankheiten, Medikamentenengpässe und jetzt auch Corona werden zunehmend zum Problem.

Das österreichische Gesundheitssystem wird durch COVID-19 aktuell auf die Probe gestellt. Seit Jahren wird das hiesige Gesundheitswesen als eines der besten der Welt gelobt. Österreich liegt mit 5,25 Medizinern auf 1000 Einwohner im Spitzenfeld der ärztlichen Versorgung. In Deutschland sind es nur 4,19 Mediziner.

Doch bereits vor Ausbruch der Pandemie krankt das österreichische System in der Praxis: Überfüllte Wartezimmer, unbesetzte Kassenstellen, Medikamentenengpässe und Nachrichten über Gewalt gegenüber Pflegekräften und Medizinern zeichnen ein anderes Bild. Klassenmedizin wird schon länger diskutiert. Experten kritisieren vor allem Lücken in der Primärversorgung.

Sind Wahlärzte die Zukunft?

46.337 Mitglieder zählt die österreichische Ärztekammer, aufgegliedert in 8.085 Turnusärzte, 14.805 Allgemeinmediziner, 23.246 Fachärzte. Blickt man genauer auf die Zählung offenbart sich, dass sich die Daten jedoch auf die Köpfe beziehen, unabhängig vom tatsächlichen Tätigkeitsausmaß. Zudem unterscheidet sich die Anzahl der Ärzte von Bundesland zu Bundesland deutlich. Wien ist Spitzenreiter, auf dem Land fehlen Mediziner.

Anfang 2020 waren österreichweit 157 von den Krankenkassen ausgeschriebene Arztstellen unbesetzt, 28 Stellen mehr als vor einem Jahr. Am stärksten zeigt sich die Problematik in der Allgemeinmedizin. 95 Kassenstellen für praktische Ärzte sind unbesetzt. Parallel nimmt der Wahlarztsektor zu. In Wien lohnt es sich insbesondere bei Kindern Geld in die Hand zu nehmen, denn gerade bei den Kassen-Kinderärzten gibt es einen großen Mangel. Im Durchschnitt kommt in der Hauptstadt auf 4.100 Kinder nur ein Kassen-Kinderarzt. Hinzu kommt, dass etwa die Hälfte der Kassen-Kinderärzte über 55 Jahre ist und bald in Pension geht. 

Platz zwei für Österreich

Im internationalen Vergleich hat das österreichische Gesundheitssystem eine hohe Spitalslastigkeit. Mit 28,9 Intensivbetten in Krankenhäusern auf 100.000 EinwohnerInnen verfügt Österreich über eine hohe Versorgungsdichte und belegt in einem Vergleich der OECD Staaten den 2. Platz. Nur Deutschland hat mit 33,9 Intensivbetten pro 100.000 EinwohnerInnen mehr. Daher konnte das Kliniksystem bei COVID-19 in kurzer Zeit auf den Krisenmodus umschalten.

Experten verweisen jedoch darauf, dass fernab der Krise das System teuer sei. Eine Vollauslastung der Spitalsbetten sei in den letzten Jahren nicht gegeben gewesen. Die Ausrichtung auf COVID-19 habe zudem dramatische Folgen in anderen Bereichen, wie der Vorstand der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin an der Meduni Wien Prof. Dr. Andreas Sönnichsen berichtet: „Ein Problem war, dass die Menschen nicht mehr zum Arzt gegangen sind, das Gesundheitssystem gar nicht mehr in Anspruch genommen haben. Was wir wissen, ist dass bei diesen akut, hoch akuten, Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, da ist es tatsächlich zu einer Unterversorgung gekommen.“

Ist die Corona-Krise die Ursache?

Durch die Corona-Krise sind deutliche Einnahmenverluste der Wirtschaft entstanden, zudem ergeben sich Mehrausgaben wegen des notwendigen Ankaufs von Schutzausrüstungen und wegen der Durchführung von Testungen. Gesundheitsökonom Dr. Gerhard Pöttler spricht davon, „dass die Situation um die Finanzierung des Gesundheitssystems eine Ernste ist.“ Im Vergleich zum Vorjahr sei das Minus, das im heurigen Jahr produziert wird, um ein Vielfaches gestiegen. „Wir reden hier von 45 Milliarden bis 46 Milliarden, was das Gesundheitssystem im Jahr 2020 in etwa kosten wird – prognostiziert.“

Die Corona-Pandemie hat zudem eine starke Abhängigkeit von anderen Ländern in der Versorgung mit Schutzkleidung aufgedeckt. Doch Schwachstellen waren bereits zuvor spürbar. Anfang 2020 gibt es Lieferengpässe von Medikamenten – es fehlen 240 Präparate. Ein Problem auf das Apotheker schon seit über zwei Jahren regelmäßig reagieren müssen. Tragisch wird es, wenn durch fehlende Wirkstoffe die Apotheker auch keine Generika anbieten können.

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