Im Interview spricht Matthias Walkner über seine Bilanz der Rallye Dakar, besondere Momente in Saudi-Arabien, Unterschiede, ungewöhnliche Erfahrungen sowie die Regeneration danach.

Der Salzburger Matthias Walkner hat die Rallye Dakar 2020 in Saudi-Arabien nach zwölf Tagen auf dem fünften Platz beendet. Sein Rückstand auf Sieger Ricky Brabec aus den USA betrug im Ziel exakt 35 Minuten. Ein paar Tage nach seinem sechsten Antreten bei der Dakar haben wir mit dem 33-Jährigen gesprochen.

Interview: Julia Baumgartner

servustv.com: Seit der Rallye Dakar sind nun ein paar Tage vergangen, wie geht es Ihnen?

Matthias Walkner: Ich bin noch ein bisschen angeschlagen und habe noch einen leichten Husten. Dennoch bin ich schon erholt und bei uns daheim mit Freunden gemütlich in den Bergen unterwegs gewesen. Skitouren gehen ist bei diesem genialen Wetter und dem guten Schnee echt geil. Also für das Wohlbefinden ist das schon sehr von Vorteil.

servustv.com: Wie sieht es mit den körperlichen Beschwerden nach der Dakar aus?

Matthias Walkner: Ich hatte große Probleme mit den Atemwegen, Schnupfen und Husten. Die Luft war extrem kalt und trocken. Außerdem habe ich viel Staub geschluckt, als ich jemanden nachgefahren bin. Dadurch war alles gereizt und eben entzündet. Aber sonst hatte ich keine Beschwerden, wobei das eh ausreichend war bei einer Dakar. Mein Sprunggelenk, das ich bei der letzten Dakar gebrochen hatte, hat mich heuer beim Fahren nicht behindert.

Überraschungsfeier für Walkner mit Freunden und Familie

servustv.com: Auf was haben Sie sich bei Ihrer Rückkehr in die Heimat am meisten gefreut?

Matthias Walkner: Ich bin am Samstag Abend wieder zuhause in Österreich angekommen. Am meisten habe ich mich auf meine Familie, meine Freundin und meine Freunde gefreut. Sie haben für mich eine kleine Überraschungsfeier organisiert mit Essen und Trinken. Das war super lässig. Uns – also meinen Liebsten und mir – ist schon allen bewusst, dass die Rallye Dakar nicht das gleiche ist, wie wenn ich eine Runde Golf, Fußball oder Tennis spielen gehe oder so. Deswegen ist es immer etwas Besonderes, wenn man weg fährt zu einer Dakar und danach wieder gesund heimkommt. Deswegen gehen wir kurz vor meiner Abreise vor Neujahr noch einmal alle gemeinsam Essen und dann setzen wir uns wieder zusammen, wenn ich heimkomme.

servustv.com: Bei der Rallye Dakar ist der Tod ein ständiger Begleiter, das haben wir leider auch heuer wieder erlebt. Wie geht es Ihnen damit und wie gehen Sie damit um?

Matthias Walkner: Dadurch, dass Paulo Goncalves (Anm.: er verunglückte auf der siebenten Etappe tödlich) schon extrem erfahren und ein richtig, richtig guter Motorradfahrer war, ist das schon nochmal was anderes. Denn der letzte Todesfall, den ich bei einer Rallye erlebt habe, das war 2015 in Südamerika. Dort ist aber ein Amateur (Anm.: Michal Hernik aus Polen) dehydriert. Es ist zwar genauso tragisch, aber Goncalves war Rallye-Weltmeister, Zweiter bei der Dakar und 15 Jahre im Geschehen.

Das öffnet einem schon die Augen, dass keiner davon befreit ist, dass etwas passiert. Aber man blendet das aus. Dafür trainiert man das ganze Jahr und bereitet sich vor. Ich habe sehr große Ehrfurcht und Respekt vor dem Ganzen. Aber sobald die Angst mitfährt oder ich das Gefühl habe, das ist nicht mehr das, was ich zu 100 Prozent machen will, weil ich das mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren kann, dann würde ich sofort aufhören.

Walkner: „Gar nicht so unzufrieden“

servustv.com: Wie ziehen Sie nun mit etwas Abstand Bilanz von der heurigen Dakar?

Matthias Walkner: Ich bin gar nicht so unzufrieden. Die vierte Etappe war leider ziemlich „verkackt“. Das war der Tag, an dem ich mit der Verkühlung und der Grippe zu kämpfen hatte. Ich war im Kopf vielleicht zu wenig klar oder etwas überfordert und habe mich dann zwei Mal verfahren. Wobei mir das öfter passiert ist. Du musst in kürzester Zeit bei hoher Geschwindigkeit Entscheidungen treffen. Und diese müssen halt richtig sein.

Ich habe zwei Fehlentscheidungen getroffen und habe eine falsche Straße genommen. Die Aufzeichnungen habe ich unterschätzt, sie waren schwieriger zu lesen als es am Papier ausgeschaut hat. Ich bin dann in den falschen Canyon hinein gefahren. Ich habe 100 Prozent gegeben und versucht Vollgas zu pushen. Man möchte wenig Zeit verlieren und dann passieren solche Fehler. Natürlich bin ich angebissen, dass ich es dieses Mal nicht auf das Podium geschafft habe. Aber ich kann mir keinen Vorwurf machen. Ich weiß, dass ich jeden Tag mein Bestes gegeben habe. Mehr hätte ich nicht können, ich bin jeden Tag gefahren, was gegangen ist. Und das hat heuer halt „nur“ für den fünften Platz gereicht.

servustv.com: Gab es bei dieser Dakar besondere Momente?

Matthias Walkner: Es gibt viele Momente. Aber der prägendste Tag, der mir am besten in Erinnerung geblieben ist, war die elfte Etappe. Ich wurde mit neun Sekunden Rückstand Zweiter hinter Pablo Quintanilla. Das war „woah“. Ich war froh, dass der Tag vorbei war, weil ich extrem oft am Limit war und bis zum Gehtnichtmehr gepusht habe. Drei Kilometer vor dem Tankstopp ist mir das Benzin ausgegangen. Ich habe das Motorrad auf die Seite gelegt und bin dann wieder weiter gefahren. Nach einem Kilometer war dasselbe noch einmal. Damit das ganze Benzin zusammen rinnt.

Mit Mühe und Not bin ich zum Refueling gekommen. Danach wieder Vollgas gepusht, die eine und andere Düne übersehen und bin dann vier bis fünf Meter ins Flache gesprungen. Es war ein Tag, aus dem ich echt alles herausgeholt hatte, und war froh, dass ich gesund im Ziel angekommen bin. Also eine längere Erinnerung (schmunzelt). Es gab auch Situationen, wo ich mit 140 km/h eine Abrisskante bei Dünen übersehen habe, weil ich etwas Sand-blind war, weil der Wind ging. Da waren auch arge Momente dabei.

servustv.com: Bereits bei der Vorbereitung der Dakar haben Sie eine ungewöhnliche Erfahrung gemacht. Was ist denn passiert?

Matthias Walkner: Es war einerseits lustig, aber andererseits hat es auch sehr nachdenklich gemacht: Wir (Anm.: Sam Sunderland und ich) waren vor der Dakar die Motorräder einfahren und auf einmal war es, als ob ich einen Dorn im Handschuh hatte. Ich hab ihn ausgezogen, aber da war nichts. Wir sind weitergefahren und plötzlich hat es mich wieder so gerissen. Es waren neue, perforierte Handschuhe. Als ich die Kupplung angegriffen habe, war es so, als ob ich in einen ordentlichen Weidezaun gegriffen hätte – so elektrisiert. Sunderland hatte andere Handschuhe und hat es daher nur ein bisschen gemerkt. Wir haben dann Handschuhe getauscht. Und da wussten wir: Als wir unter der Starkstrom-Leitung gefahren sind, habe ich Elektro-Schocks bekommen und es am ganzen Körper gespürt. Ich war extrem schockiert. Davon haben wir dann ein Video gemacht (Anm.: siehe unten).

„Man erlebt so viele Facetten“

servustv.com: Die Dakar hat 2020 in Saudi-Arabien Premiere gefeiert. Was war Ihrer Meinung nach anders?

Matthias Walkner: Der ärgste Unterschied ist schon das Zuschauer-Interesse. Dieses Jahr waren vermutlich an die 30.000 Menschen am Abend im Ziel. Bei der Eröffnung in Buenos Aires (Anm.: 2018) waren damals sicher an die 500.000 Zuschauer. Landschaftlich muss ich sagen, ist Saudi-Arabien schon geiler: Eine mega Wüste, ein schönes Meer, eine coole Küste, geile Canyons – Berge schauen aus wie Korallenriffe – das war schon beeindruckend und nachhaltig für mich.

Positiv überrascht war ich von der Euphorie. Und das Image, das Saudi-Arabien hat, habe ich überhaupt nicht so wahrgenommen. Ich hatte das Gefühl, dass sie schon den moderneren Touch der Gesellschaft haben wollen und daher an ihrem Ruf arbeiten – mit Sportveranstaltungen zum Beispiel. Die Zeitverschiebung im Vergleich zu Südamerika war natürlich auch anders. Und es war dieses Mal extrem kalt, nur 0 bis 7 Grad und tagsüber auch nicht wirklich warm. Das war eher unerwartet. Dafür hat es nie geregnet. Aber alles hat sein Für und Wider. Man erlebt so viele Facetten auf den 8.000 Kilometer.

Wertschätzende Worte von Marcel Hirscher

servustv.com: Tauschen Sie sich während einer Dakar mit Freunden zuhause aus?

Matthias Walkner: Ich tausche mich schon mit allen ein bisschen aus. Telefonieren tue ich nicht – dafür habe ich wenig Zeit oder Nerven, nachdem nicht überall Empfang ist. Also kommuniziere ich nur über Whats-App sowie Sprachnachrichten. Es lassen mich alle relativ in Ruhe, weil sie wissen, dass ich mich in einer Ausnahmesituation befinde. Wenn ich einen guten Tag hatte, dann bekomme ich Gratulations-Nachrichten von Freunden, bei einem schlechten Tag dann aufmunternde Nachrichten wie „Gib Gas“ oder „Wird schon wieder“. Marcel Hirscher hat mir, nachdem ich wieder zuhause war, sehr rührende und wertschätzende Wort geschickt, über die ich mich sehr gefreut habe. Wir sind alle schon gut eingespielt. Es gibt eine Dakar-Gruppe mit Partnern, Sponsoren, Gönnern sowie Freunde, wo ich immer meine Updates schreibe. Ein paar schreiben dann privat zurück. Das freut mich voll. Und das taugt ihnen. Aber sie wissen auch, dass ich nicht immer antworte.

servustv.com: Wie lange dauert es bei Ihnen nach einer Dakar bis Sie wieder richtig fit und regeneriert sind?

Matthias Walkner: Das kommt immer auf die Intensität der Dakar an. Die letzte jetzt in Saudi-Arabien war körperlich gesehen gar nicht so zach, wie andere davor. Ich hab schon zachere erlebt. Das hat dann so an die sechs Wochen gedauert. Dieses Mal glaube ich, dass es etwa vier Wochen braucht, bis ich wieder in etwa auf dem Stand bin wie vor der Dakar.

servustv.com: Wie geht es bei Ihnen nun weiter?

Matthias Walkner: Ich mache Mal einen Monat lang, was mir Spaß macht: Motorradfahren und Skitouren gehen. Vielleicht fahre ich eine Woche auf Urlaub irgendwohin ins Warme. Sportlich gesehen ist Ende März der Beginn der Rallye-WM in Abu Dhabi.

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