Teil 2 der großen MotoGP-Saisonvorschau mit Alex Hofmann: Unser ServusTV-Experte über Shooting-Star Fabio Quartararo, das überraschende Lorenzo-Comeback – und die Doping-Posse um Andrea Iannone.

Das hatten sich alle MotoGP-Fans ganz anders vorgestellt: Eigentlich hätte die Motorrad-Königsklasse Anfang März mit dem Großen Preis von Katar in die Saison starten sollen. Dann aber beförderte das Corona-Virus Marquez, Rossi & Co. urplötzlich in die Warteschleife. Neuer Saisonstart ist jetzt voraussichtlich der Spanien-Grand-Prix in Jerez am 3. Mai – Änderung vorbehalten…

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Trotz allem Termin-Chaos stellen sich vor der Saison auch dieses Jahr wieder spannende Fragen: Geht der kometenhafte Aufstieg von Shooting-Star Fabio Quartararo weiter? Wie kam es zum überraschenden „Rücktritt vom Rücktritt“ von Jorge Lorenzo? Und was genau steckt hinter der Doping-Posse um Andrea Iannone? In unserer großen Saisonvorschau blickt ServusTV-Experte Alex Hofmann auf diese und weitere brisante Themen rund um das MotoGP-Jahr 2020 voraus.

Alex, Du hast ihn im 1. Teil unseres Gesprächs schon kurz angesprochen: Rossis designierten Yamaha-Nachfolger Fabio Quartararo. Wie wird sich seine schon feststehende Beförderung auf ihn auswirken, geht sein beinahe kometenhafter Aufstieg weiter? Zuletzt beim Sepang-Test war er ja schon mal richtig schnell…
Alex Hofmann: Absolut, den Speed hat er zuletzt beim Sepang-Test gleich wieder gezeigt. Ich glaube, es ist extrem befreiend für ihn, dass seine Zukunft schon vor der neuen Saison längerfristig sicher ist. Letztes Jahr hatte er ja noch den Vorteil, dass er der Rookie war, der so ein bisschen im Sandkasten spielen durfte. Und keiner hat dabei allzu viel von ihm erwartet. Das war einfach eine gute Grundlage, um eine herausragende Performance zu zeigen. Dieses Jahr hätte man dann – noch ohne unterschriebenen Vertrag – natürlich erwartet, dass das 2020 genauso weitergeht, dass er sich in dieser Position hält. Und dieser Druck hat sich für Fabio jetzt schon vor der Saison in Wohlgefallen aufgelöst. Damit kann er völlig entspannt ins neue Jahr gehen. Weil er weiß, dass er einfach weiter Spaß haben darf, und sich im Hinblick auf einen neuen Vertrag nicht beweisen muss. Das ist gut für ihn und gut für Yamaha. Deshalb glaube ich, dass er 2020 genau da weitermachen wird, wo er 2019 aufgehört hat. Ich bin überzeugt, dass sein erster Sieg nur eine Frage der Zeit ist. Und wer weiß, vielleicht klappt das ja sogar schon in der ersten Saison-Hälfte.

Apropos Rennen gewinnen: Wie sieht es in dieser Saison mit Maverick Vinales aus? Macht er 2020 den nächsten Schritt, ist er für Dich ein Titel-Kandidat?
Ja, das hoffe ich – für uns und für ihn (lacht). Ich glaube, dass er im Yamaha-Werksteam die letzten Jahre in einer etwas seltsamen Position war. Neben Valentino eigentlich die Nummer eins, aber dann eben doch nur neben Valentino. Rein von den Zeiten her betrachtet war er auf der Strecke zwar der schnellere Fahrer, aber am Ende des Tages doch nur der Teamkollege vom „Doctor“. In der schon angesprochenen neuen Konstellation bei Yamaha in der „Nach-Rossi-Ära“ hat er jetzt die Gewissheit, dass die Zukunft bei den Japanern eindeutig ihm gehört. Ich glaube, das wird Vinales, der nicht unbedingt als einer der mental stärksten Piloten gilt, einen zusätzlichen Push geben, um ein konstantes und solides Jahr abzuliefern. Und wir wissen ja: Wenn der gut drauf, ist er wahnsinnig schnell. Allein schon deshalb hätte er es verdient, dieses Jahr um den WM-Titel zu fahren.

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18. Feb | 4:00 Min

„Lorenzo will es sich selbst noch einmal beweisen“

Eine ebenfalls viel diskutierte Personalie im Yamaha-Umfeld ist aktuell Jorge Lorenzo. Wie bewertest Du die doch etwas überraschende Entwicklung mit seinem Job als Yamaha-Testfahrer, nachdem er nach seinem Seuchen-Jahr bei Honda völlig zermürbt zurückgetreten war?
In dieser Frage bin ich offen gesagt ein bisschen zwiegespalten. Wir müssen auf jeden Fall sagen: Jorge Lorenzo war komplett durch letztes Jahr. Völlig verbrannt und kurz vor dem Burn-out auf dem Bike. Anders kann man das nicht beschreiben. Er hatte einfach keinen Spaß beim Fahren, und das hat man ihm auch in jeder Runde angesehen. Dass er jetzt so kurz nach seinem vermeintlichen Rücktritt aber doch wieder auf ein Motorrad springt, ist für mich nachvollziehbar. Denn wenn Du die Chance bekommst, kannst Du nicht ein Jahr Pause machen, sondern musst dranbleiben – auch als Testfahrer. Und dass Yamaha parallel auf der Suche war, hat sich für beide Seiten natürlich gut ergeben. Außerdem ist Lorenzo glaube ich der Typ, der erstmal „abtrainieren“ muss. Er ist von seiner Persönlichkeit her keiner, der seine Karriere beendet, in Urlaub geht und danach komplett von der Bildfläche verschwindet. Ich glaube, es ist gut für ihn, dass er jetzt doch noch irgendwie eine große Nummer ist. Weiterhin im Fahrerlager und als Pilot im Einsatz ist – und vielleicht sogar per Wildcard sein Renn-Comeback gibt. Aber klar, alles in allem ist es schon überraschend, dass Lorenzos Rücktritt am Ende doch nur ein Kurzurlaub war.

Hatte Lorenzo das womöglich genau so oder zumindest so ähnlich im Hinterkopf, als er letztes Jahr „zurückgetreten“ ist? Weil er von Honda einfach nur weg wollte?
Nein, das glaube ich nicht. Diese Entwicklung fällt wohl eher unter die Rubrik: In der Not ergeben sich manchmal plötzlich ganz neue Möglichkeiten, mit denen man vorher absolut nicht gerechnet hat. Nach dem frustrierenden Honda-Jahr war es ihm glaube ich schon ernst damit, aufzuhören. Als dann aber die Yamaha-Option mehr oder weniger überraschend am Horizont erschienen ist, hat sich Lorenzo vermutlich gedacht: Diese Alternative schaue ich mir an, mache nochmal was daraus. Auch, um es sich womöglich noch einmal selbst zu beweisen.

MotoGP 2020: Spannung nach Sepang-Test

„Zarco muss ‚All-In‘ gehen, sonst war’s das für ihn“

Ein nicht minder schwieriges Jahr hat Johann Zarco hinter sich, nachdem es zwischen ihm und KTM einfach nicht passte. Für 2020 hat er bei Avintia-Ducati angeheuert – für ihn so etwas wie die letzte Ausfahrt in seiner Karriere?
Ja, definitiv. Aber so ist das nun mal, wenn Du die große Chance als Werksfahrer hattest, aber sie einfach nicht genutzt hast. Wobei man sagen muss, die Möglichkeiten, die Zarco jetzt bei Avintia hat, sind o.k. Denn er hat dort ja zumindest einen Sonder-Status, was die Technik angeht. Und Ducati um Mastermind Gigi dall’Igna ist in puncto Entwicklung natürlich gut aufgestellt. Aber wenn Zarco bei Avintia jetzt nicht maximal performt und den anderen Ducati-Piloten permanent einheizt, wird das sein sicheres MotoGP-Aus bedeuten. Er muss also „All-In“ gehen und versuchen, nicht nur Teamkollege Tito Rabat, sondern auch die beiden Pramac-Piloten Miller und Bagnaia dauerhaft zu schlagen. Dann hat er vielleicht die Chance, in der Meisterschaft zu bleiben. Ist dem nicht so, dann war es das ziemlich sicher für ihn.

Wo wir schon bei Ducati sind: Glaubst Du, dass die Werks-Ducatis und dabei insbesondere Andrea Dovizioso dieses Jahr ein Wort um den Titel mitreden können?
Offen gesagt hatte ich darauf gehofft, dass Ducati vor der Saison in puncto Technik noch irgendwas findet, wodurch sie den Unterschied machen können. Aber ich befürchte, dass sie sich auch 2020 in einem Punkt treu bleiben werden: Dass das Bike zwar stellenweise wahnsinnig gut funktioniert – dann aber auch immer wieder Wochenenden kommen, an denen sie große Probleme haben, vorne mit dabei zu sein. Nach den ersten Vorsaison-Tests sehe ich diese Gefahr auch für 2020 wieder, sowohl für Ducati als auch für Andrea Dovizioso. Aus meiner Sicht werden sie dieses Jahr sogar darum kämpfen müssen, in der Hersteller-Wertung Platz zwei zu verteidigen. Dieses Szenario erscheint mir offen gesagt realistischer, als dass sie dieses Jahr wirklich mal nach dem Titel greifen können. Und selbst für den Fall, dass sie beim Saison-Auftakt in Katar bei der Musik sind, ist das keine wirkliche Referenz. Denn der Kurs in Doha ist traditionell Ducati-Land, da haben sie immer gut performt. Wie stark oder auch schwach Ducati 2020 ist, werden wir also erst bis Argentinien oder Austin wissen.

Alex Hofmann: „Iannone wollte wohl, dass sein Sixpack besser sitzt“

Eine Personalie müssen wir noch besprechen: Mit Andrea Iannone ist eine der schillerndsten Figuren der MotoGP zumindest vorerst von der Bildfläche verschwunden. Was ist da genau los mit seiner Doping-Affäre: Glaubst Du, er hat wirklich wissentlich was genommen? Und wenn ja, bringt das überhaupt was auf dem Motorrad?
Boah, schwierig – ich glaube, das weiß nur Andrea selber. Aber die ganze Sache passt einfach wie die Faust aufs Auge zu seinem Spitznamen „The Maniac“. Und diese Geschichten, dass er im Ausland zu viel Steak gegessen hat, daran habe ich offen gesagt so meine Zweifel. Ich könnte mir schon vorstellen, dass da irgendwo ein „Beiprodukt“ genommen wurde. Ich würde ihm nur nicht vorwerfen, dass er das gemacht hat, um schneller Motorrad zu fahren. Sondern eher deshalb, damit sein Sixpack besser sitzt. Aber allein die Tatsache, dass in dieser Affäre nach wie vor keine Entscheidung in Sicht ist, macht die Sache für ihn extrem schwierig. Der dadurch angerichtete Schaden ist einfach enorm, auch oder vor allem für Aprilia. Denn denen scheint bei der Entwicklung des 2020er-Bikes wirklich ein Coup gelungen zu sein. Und vor allem in der jetzigen Phase wäre es extrem wichtig für die Italiener, neben Aleix Espargaro einen zweiten Top-Fahrer am Start zu haben. Trotzdem, eines ist klar: Wenn da wirklich gedopt wurde, sei es um schneller zu fahren oder um besser auszusehen, dann gehört das einfach nicht in unseren Sport. Punkt.

Abschließend, Alex: Anfang März beginnt traditionell mit dem Nachtrennen in Katar die neue Saison. Worauf können wir uns dabei besonders freuen – mal abgesehen von der reinen Tatsache, dass es endlich wieder losgeht?
Wie eingangs schon erwähnt: Ich glaube, wir können uns auf die spannendste MotoGP-Saison seit langem einstellen. Denn allein der Sepang-Test hat mir persönlich schon extrem viel Vorfreude gemacht. Wir müssen uns das einfach nochmal vor Augen halten: Nicht weniger als 15 Fahrer innerhalb von knapp 0,6 Sekunden – auf einer der längsten und härtesten Strecken der MotoGP. Das deutet für mich darauf hin, dass sich alles noch enger zusammengeschoben hat. Und das, obwohl wir doch eigentlich jedes Jahr sagen: Es kann fast nicht mehr spannender werden!

Interview: Oliver Kluth


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