Die Fähigkeiten von Jorge Lorenzo haben einen Fahrer-Kollegen besonders beeindruckt: „Er war wie eine Maschine“, sagt Cal Crutchlow über den MotoGP-Rentner.

„Ein trauriger Tag für den Sport“, kommentiert Cal Crutchlow das Karriere-Ende von Jorge Lorenzo. „An seinem Tag waren viele Leute nicht einmal im gleichen Rennen wie er. Selbst wenn man manchmal mit ihm auf dem Podium stand, war man eigentlich nicht im gleichen Rennen wie er.“ Insgesamt hat Lorenzo 47 MotoGP-Rennen gewonnen. Und fuhr dabei nicht selten gleich nach dem Start auf und davon.

In der abgelaufenen Saison war Crutchlow zum zweiten Mal Markenkollege von Lorenzo. Von 2011 bis 2013 fuhren beide Yamaha, wobei Crutchlow im Kunden-Team Tech 3 unter Vertrag stand. Damals war Lorenzo Weltmeister und Crutchlow ein Neuling in der Königsklasse. Konnte er von Lorenzo lernen? „Leider nicht viel. Wir konnten nie seinem Weg folgen. Aber die Daten zeigen heute noch das gleiche wie damals.“

Crutchlow: „Er lenkt viel mit dem Hinterrad“

Vor allem beeindruckte Crutchlow die Bremsphase des Spaniers: „Er sieht nicht nach einem Spätbremser aus. Aber er bremst eigentlich sehr, sehr spät. Es geht darum, wie er das Motorrad verlangsamt. Wenn man sich bei Yamaha seine Abstimmung angesehen hat, dann hätte das für niemand anderen funktioniert. Er hat auch nie viel verändert und ist einfach nur mit diesem Motorrad gefahren.“

Der Brite ist der Meinung, dass Lorenzo viel mit dem Hinterrad gemacht hat. „Es sieht danach aus, dass er über das Vorderrad fährt. Aber er lenkt viel mit dem Hinterrad. Nicht indem er rutscht, sondern wie er seinen Körper einsetzt. Es war sehr schwierig, von ihm etwas zu lernen.“ Mit Ducati hat es Lorenzo geschafft, Rennen zu gewinnen. Mit Honda war er dagegen nie konkurrenzfähig.

Dabei spielten auch Verletzungen eine Rolle. „Er ist in den letzten Jahren oft gestürzt, während das früher kaum der Fall war“, denkt Crutchlow zurück. „Manchmal ist er bei Yamaha im gesamten Jahr nur zwei Mal gestürzt. Ich weiß nicht, warum es für ihn mit Honda nicht funktioniert hat. Ich glaube aber, dass es klappen hätte können. Aber er hat seine Entscheidung getroffen, und wir müssen sie respektieren.“

„Lorenzo war wie eine Maschine“

Ein elfter Platz war Lorenzos bestes Ergebnis mit Honda. Mit 28 WM-Punkten belegte der fünfmalige Weltmeister Platz 19. Nur in seiner 125er-Debüt-Saison 2002 war er als 21. noch schlechter platziert gewesen. Trotzdem findet Crutchlow, dass man selbst mit der RC213V phasenweise Lorenzos Klasse gesehen hat, wenn man ganz genau hinsah.

„Wenn er sein Visier geschlossen hat, war er wie eine Maschine. Das war beängstigend“, so Crutchlow. „Ich kann mich in diesem Jahr an 10 Runden erinnern. Sein Sektor war zum Beispiel 31,0. Und er ist exakt diese Zeit neun Mal hintereinander gefahren. Das ist verrückt. Und wenn ich mich an Dinge erinnere, die er bei Yamaha getan hat, dann war es etwas sehr Besonderes. Dass man dieses Konzentrations-Level und diesen Speed halten kann.“

„Er war ein großer Champion und ein ultimativer Profi. Ich weiß, dass sein Charakter etwas anders ist. Auch die Fahrer sehen das. Aber man kann ihm nicht nehmen, was er auf der Strecke erreicht hat. Das ist mehr, als viele in diesem Fahrerlager erreicht haben“, betont Crutchlow. „Ich glaube, er hätte es auch auf der Honda geschafft. Ich weiß nicht wann – aber er wusste genau, wie man ein Motorrad fährt.“