Suzuki-Pilot Joan Mir gewinnt in Valencia vor Teamkollege Alex Rins und baut seine WM-Führung auf 37 Punkte aus. „Es ist wichtig, jetzt cleverer denn je zu sein.“

„Als mich die Leute fragten, ob Joan Mir ein gerechter Champion wäre, ohne ein Rennen zu gewinnen, antwortete ich absolut JA. Jetzt werden sie das nicht noch einmal fragen … Glückwunsch @Joanmir36, wohlverdient!!“ So gratulierte Ex-MotoGP-Pilot Jorge Lorenzo dem Suzuki-Piloten zu seinem Sieg in Valencia.

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Obwohl Mir die WM auch schon vor dem Grand Prix von Europa mit einem Vorsprung von 14 Punkten anführte, hatte der Spanier in der Königsklasse bis dato kein einziges Rennen gewonnen. Daher wurde seit geraumer Zeit darüber diskutiert, ob sein Titelgewinn einen Makel hätte, würde er auch bis zum Ende der Saison nicht siegen.

Diese Diskussion hat Joan Mir an diesem Sonntag im Keim erstickt. Auf Lorenzos Tweet reagiert er geschmeichelt: „Das fühlt sich natürlich gut an. Jorge war immer eine Referenz für mich. Unter diesen Bedingungen war er mental sehr stark. Er ist mit Sicherheit ein Vorbild, ein Kerl mit viel Erfahrung. Ich kann viel von ihm lernen.“

Premierensieg in Valencia: Joan Mir findet keine Worte

Dass er bereits zu den Topfahrern zählt, hat Joan Mir endgültig unter Beweis gestellt. Beeindruckend souverän kämpfte er sich im Rennverlauf an KTM-Konkurrent Pol Espargaro und Suzuki-Teamkollege Alex Rins vorbei. Er führte die letzten zehn Runden an und feierte am Ende den Sieg – den ersten seit 2017, als er noch Moto3 fuhr.

„Es ist unglaublich. Ich habe gar keine Worte, um diesen Moment zu beschreiben. Der Sieg kam genau im richtigen Moment. Natürlich hätte ich auch gern den Sieg in Österreich geholt“, sagt der 23-Jährige. Und er erinnert an seine Führung im zweiten Spielberg-Rennen, als er seinem Premierensieg entgegen fuhr – bis zur roten Flagge.

„Damals sollte es nicht sein“, blickt Joan Mir zurück, „dafür war heute der Tag der Tage. Ich war auch schon vor dem Rennen glücklich, denn wir hatten ein super gutes Wochenende. Am Freitag haben wir am Motorrad gearbeitet, am Samstag ist mir dann ein Fortschritt im Nassen gelungen, sodass ich auch im Qualifying stark war.“

Überholmanöver an Rins früher als geplant

Im Warm-up, der ersten Session auf komplett trockener Strecke, habe er zusammen mit dem Team erfolgreich auf das Rennen hingearbeitet. „Die Pace sah nicht so schlecht aus. Das war der Schlüssel für den Sieg“, urteilt der Suzuki-Pilot. „Ich hatte ein bisschen mehr im Köcher als die anderen und konnte das auch zeigen.“

Ab der Rennhälfte erhöhte Joan Mir den Druck auf Teamkollege Rins, der zu dem Zeitpunkt in Führung lag. In Runde 17 profitierte er dann von einem Fehler und ging vorbei. „Ich wollte noch etwas länger warten, um Alex zu überholen“, gibt der spätere Rennsieger zu. „Ich hatte das Gefühl, dass meine Pace etwas besser war als seine.“

„Aber es war schwierig, die ganze Zeit den Fokus zu behalten, an die Reifen zu denken. Man weiß nie, wann der perfekte Moment ist. Als ich sah, dass er von der Ideallinie abkam, musste ich die Gelegenheit nutzen. Dann pushte ich einfach weiter und fuhr meinen Rhythmus. Ich war vielleicht zwei, drei Zehntel schneller pro Runde.“

Erster Doppelsieg für Suzuki seit dem Jahr 1982

Rins konnte das Tempo im Anschluss nicht mehr mitgehen: „Joan hat in der Schlussphase wirklich Gas gegeben. In Kurve 11 ist mir ein kleiner Fehler unterlaufen. Ich habe mich bei den Gängen vertan und habe die Führung verloren. Er ging an mir vorbei, ich habe versucht, den Anschluss zu halten, aber es war so schwierig.“

Ein Grund, warum er abreißen lassen musste, war der Hinterreifen. „Ich hatte mehr Spinning als sonst“, verrät Rins. „Ich versuchte, das ganze Rennen über auf die Reifen zu achten. Als Joan mich überholte, fuhr ich weiterhin Rundenzeiten, die ich auch in Führung liegend gefahren bin. Aber er hat gezeigt, dass er einen Schritt voraus war.“

Für Rins galt es deshalb, die Lücke nach hinten zu managen, denn Pol Espargaro ließ bis zum Schluss nicht locker. Im Ziel trennte die beiden eine halbe Sekunde. Damit war der Doppelsieg für Suzuki perfekt. Das gab es zuletzt 1982, als mit Randy Mamola, Virginio Ferrari und Takazumi Katayama sogar drei Suzukis vorne lagen.

Joan Mir: Titelchance „von Rennen zu Rennen entwickelt“

Weder Joan Mir noch Alex Rins waren da schon auf der Welt. „Es entwickelt sich zu einer unglaublichen Saison für uns, für Suzuki. In Japan sind sie gewiss sehr, sehr glücklich“, jubelt Letzterer über den Teamerfolg. Und Mir ergänzt: „Für das Team freut es mich ganz besonders. Hier einen Doppelsieg zu feiern, ist einfach unglaublich.“

Nicht nur er konnte seine Führung in der Weltmeisterschaft auf 37 Punkte Vorsprung ausbauen. Nach dem ersten Rennen in Valencia führt Suzuki auch die Hersteller- und die Teamwertung an. Damit rückt die Triple Crown in greifbare Nähe – ein Szenario, von dem zu Beginn der Saison kaum jemand zu träumen gewagt hätte.

So hat auch Mir nicht kommen sehen, dass er sich zum Favorit auf den Fahrertitel mausern würde. „Das hat sich von Rennen zu Rennen entwickelt“, sagt der Spanier. „Mit den Ergebnissen am Anfang war damit nicht zu rechnen. In Österreich fing ich an, mich auf dem Bike wirklich gut zu fühlen. Ab da wurde ich stärker und stärker.“

Joan Mir will auch in Valencia 2 um den Sieg kämpfen

Nach sechs Podestplätzen – drei zweiten und drei dritten Rängen – ist nun auch die Hürde des ersten Sieges genommen. „Ich machte mir deshalb keine Sorgen“, betont Mir, „hatte das aber im Hinterkopf. Der Schlüssel in dieser Saison war, dass wir auch in Rennen, in denen wir nicht zu den Favoriten zählten, auf dem Podium standen.“

„Heute hatte ich die Chance zu gewinnen, und ich habe sie ergriffen. In Österreich 2 war sie auch da, aber dort sollte es nicht sein. Ein Sieg ist natürlich wichtig, aber auf dem Podium zu stehen, ist nicht weniger bedeutend.“ An seiner Herangehensweise werde sich daher auch mit Blick auf die letzten zwei Rennen nichts ändern.

„Es ist wichtig, jetzt cleverer denn je zu sein“, sagt der WM-Leader. „Wir haben ein sehr gutes Punktepolster. Mit diesem Sieg hier ist zwar noch nichts entschieden, aber es geht in die richtige Richtung. Unsere Ausgangslage ist jetzt viel besser als noch am Freitag. Insofern werde ich versuchen, nächste Woche genauso weiterzumachen.“

37 Punkte Rückstand: Rins gibt noch nicht auf

Sollte er dann nicht das Potenzial haben, erneut um den Sieg zu kämpfen, gehe es darum, so viele Punkte wie möglich zu sichern. Dass Joan Mir dem Druck, der Gejagte zu sein, standhalten kann, hat er in Valencia hinreichend bewiesen. Das mag auch daran liegen, dass der Spanier sich nicht zu sehr darauf versteift, Weltmeister zu werden.

„Wenn ich dieses Jahr den Titel gewinne, ist das super gut für mich, aber wenn ich ihn nicht gewinne, ist das auch gut“, findet der 23-Jährige. Er stellt den größeren Zusammenhang her: „Leute, die ihre Miete nicht mehr zahlen können, weil wir diese Pandemie erleben, haben echten Druck, der nicht gut ist. Ich bin privilegiert.“

Auch deshalb geht er die letzten beiden Grands Prix nicht weniger entspannt an als sonst – wohl wissend, dass sein derzeit ärgster Konkurrent im eigenen Team lauert. Zwar liegt Rins auf Rang drei 37 Zähler zurück, ist aber punktgleich mit Fabio Quartararo (Petronas-Yamaha) und wittert noch immer eine Chance auf den Titel.

Quartararo schwächelt, wird aber „zurückschlagen“

„Zwei Rennen stehen aus und Joan hat jetzt eine größere Lücke aufgerissen. Aber wir werden weiter kämpfen und versuchen, um das Podest und den Sieg zu fahren. Am Ende sehen wir dann, wo wir stehen“, sagt Mirs Teamkollege. „Natürlich ist Joan jetzt etwas weiter weg, aber das heißt nicht, dass wir nicht alles versuchen werden.“

Angesprochen auf Quartararos jüngstes Formtief – in Valencia wurde er nach einem Sturz nur Vierzehnter – analysiert Rins: „Fabio ist ein guter Fahrer und wir befinden uns auf einem ähnlichen Niveau. In den letzten Rennen lief es nicht gut für ihn. Aber ich bin mir sicher, er wird alles versuchen, um zurückzuschlagen.“

„Was mich betrifft, werde ich alles geben, um Punkte auf Joan gutzumachen. Er ist in einer starken Form und bringt das Bike ans Limit, deshalb hat er auch einen Vorsprung von 37 Punkten. Aber nichts ist unmöglich.“ Immerhin sind noch 50 Zähler zu vergeben. Den ersten Matchball könnte Mir allerdings schon nächste Woche verwandeln.

Rennen MotoGP: Grand Prix of Europe