Lukas Tulovic, MotoE-Pilot bei Red Bull KTM Tech 3, spricht im Exklusiv-Interview über die Neuerungen in der Elektro-Klasse, die Auswirkungen des Corona-Virus – und seine Ziele in der diesjährigen Moto2-EM.

Weiter Ungewissheit anstatt Vorfreude: Trotz diverser Verschiebungen wegen des Corona-Virus ging in Jerez kürzlich der erste MotoE-Test der Saison 2020 über die Bühne. Allerdings mit Einschränkungen, denn das italienische SIC58-Team konnte wegen der aktuellen Situation nicht an den Testfahrten teilnehmen. Ein Umstand, der teils harsche Kritik hervorrief. Trotz aller Turbulenzen blickt Lukas Tulovic der neuen MotoE-Saison mit großer Zuversicht entgegen, erklärt der Deutsche im Exklusiv-Interview mit ServusMotoGP.com.

ServusMotoGP.com: Lukas, lassen Sie die letzten Tage doch mal Revue passieren. Wie war der erste MotoE-Test für Sie – welches Gefühl hatten Sie auf der Energica?
Lukas Tulovic: Im Großen und Ganzen ist das eine echt große Geschichte. Die MotoGP steht dahinter, Energica, Enel, alle sind vor Ort zur Unterstützung und schauen, dass das Projekt weiter voran geht. Der Reifen von Michelin ist richtig gut. Es ist allerdings etwas komplett anderes – man kann es mit nichts vergleichen. Das Motorrad ist 260 kg schwer, die man beim Fahren definitiv merkt. Vor allem bei meinem Sturz, den ich am letzten Tag hatte (lacht). Die größten Unterschiede liegen wohl darin, das Gewicht runterzubremsen und das Bike umzulegen. Es ist nicht so krass, wie ich es erwartet habe. Aber man merkt es natürlich.

Die Reifen von Michelin sind extrem gut. Man kann ja bei der MotoE nur sechs bis neun Runden fahren. Je nachdem, wie lang die Strecke ist und wie schnell man die In- und Outlap fährt. Es ist auch temperaturabhängig, weil die Batterie irgendwann warm wird. Die Reifen halten auf die Distanz extrem gut und haben einen Mega-Renngrip.

Ein riesiger Unterschied ist auch die Gasannahme. Wenn man einen Verbrenner-Motor fährt, hast Du eigentlich von unten raus wenig Leistung. Und dann aber bei der optimalen Drehzahl richtig Power: Du hörst es und spürst es. Bei der MotoE hast Du in den langsamen Kurven unten raus extreme Power. Und oben raus in den schnellen Kurven kannst Du voll ans Gas gehen, weil es da nicht mehr viel von dieser explosiven Kraft gibt. Wenn man in den Kurven rutscht oder über das Hinterrad slidet, dann hört man es nicht – man spürt es nur. Das ist extrem ungewohnt.

Chaos wegen Corona-Virus: MotoGP in der Warteschleife

„Mir war klar, dass wir näher an die Spitze rücken“

Während der drei Test-Tage konnten Sie den Rückstand auf die Spitze enorm verringern. Was denken Sie ist noch möglich?
Es war klar, dass wir immer näher rankommen an die Spitze. Für mich zumindest war das klar. Die Jungs, die letztes Jahr schon gefahren sind, haben einen großen Vorteil, weil sie das Bike schon kennen. Ich bin mit dem Fortschritt bei meinen Zeiten allerdings ziemlich zufrieden. Also dass wir in Anführungsstrichen nahe an die Spitze rangekommen sind. Allerdings muss ich dazu sagen, dass alle Piloten in dieser Klasse auf einem extrem hohen Level fahren.

Alle Fahrer innerhalb zwei Sekunden am letzten Tag machen das Ganze extrem spannend. Wir müssen noch eine Schippe drauflegen – beziehungsweise ich muss das. Und es wäre für mich extrem wichtig, noch einen Test fahren zu können, bevor die Saison losgeht. Aber wenn ich jetzt Zeit habe, werde ich mir die Daten und Videos ansehen und durch den Kopf gehen lassen. Damit ich den nächsten Test optimal nutzen kann, um in der Saison konkurrenzfähig zu sein.

Dieser nächste Test Anfang April in Jerez wackelt allerdings. Wie bereiten Sie sich derweil zu Hause auf die Saison vor?
Ich bin noch am Überlegen, wie ich dafür trainieren kann. Einfach nur ein schweres Motorrad fahren? Eine Möglichkeit wäre, eine schwere 1000er zu nehmen, um das Gewicht zu trainieren. Aber für mich sind die großen Themen eigentlich Reifen und Gasannahme, was in der MotoE beides extrem anders ist als alles, was ich bis dato gefahren bin. Elektro und Verbrenner kann man einfach null vergleichen. Ich bin jetzt mein ganzes Leben Verbrenner gefahren, die Umstellung wird arg. Aber ich werde eine Lösung finden, mich bis zum nächsten Test oder eben dem ersten Rennen so gut es geht vorzubereiten.

Tulovic: Sicherheit in der MotoE extrem wichtig

Letztes Jahr gab es beim Jerez-Test ein großes Feuer im MotoE-Paddock. Wie wird in dieser Saison damit umgegangen, fühlen Sie sich „sicher“?
Dazu kann ich nur sagen, dass das Thema Sicherheit extrem großgeschrieben wird in der MotoE. Jedes Mal, wenn das Motorrad zum Laden geht, wird es davor und danach gekühlt. Vor den Boxen stehen Feuerwehrleute, die mit einem Laser immer die Temperatur kontrollieren. Und das alle paar Minuten, damit auch wirklich nichts passieren kann. Ich fühle mich dort total sicher. Es sind immer viele Leute vor Ort, die für die Sicherheit zuständig sind und immer ein Auge auf alles haben.

Parallel zur MotoE gehen Sie in dieser Saison auch in der Moto2-EM an den Start. Welche Ziele haben Sie sich hier gesteckt?
(Lacht) Da bin ich auch erstmal am Hoffen, dass der Test stattfindet… Anfang April wären wir ja mit Kiefer in Portimao zum Testen gewesen, wo auch das erste Rennen stattfinden wird. Trotzdem kann ich mir hier schon konkretere Ziele setzen, weil ich weiß, wer dort alles fährt. Ich weiß, dass ich mit der Kalex Top-Material habe. Und dazu ein Team hinter mir, das sich auskennt. Da ist dann definitiv das Ziel, die Meisterschaft zu gewinnen.

Sollte es mit dem Titel tatsächlich klappen, ist dann für Sie auch eine Rückkehr in die Moto2-WM – eventuell auf Kalex – eine realistische Option?
Momentan kann man dazu nicht allzu viel sagen. Aber mein Plan ist es definitiv, in die WM zurückzukommen. Auf Kalex habe ich bis dato einfach das beste Gefühl. Ich freue mich unglaublich, mich wieder draufzusetzen. Es ist das beste Motorrad für mich – es passt zu mir, und ich bin darauf immer schnell gewesen. Inzwischen habe ich noch mehr Erfahrung und werde hoffentlich nochmal eine Schippe drauflegen können.

Jochen Kiefer hat zuletzt mehrfach bestätigt, dass er hinter Ihnen steht, egal in welcher Rennserie Sie starten. Gibt Ihnen dieser Rückhalt einen zusätzlichen Push?
Definitiv. Seitdem ich zwei Rennen für Kiefer gefahren bin – 2018, als ich Domi Aegerter ersetzt habe – hat es von Anfang an gepasst. Ich fühle mich super wohl in dem Team. Und Jochen steht voll hinter mir, was mich sehr glücklich und stolz macht. Denn am Ende der letzten Saison war ich zugegebenermaßen nicht immer der Hammer. Aber er glaubt an mich, und das ist ein Wahnsinns-Gefühl. Deswegen freue ich mich auch, nochmal mit ihm und dem Team weiterarbeiten zu können in dieser Saison. Ich bin mir sicher, dass wir das besser können, als wir es letzte Saison gezeigt haben. Und ich freue mich, hoffentlich nochmal ein paar schöne Erfolge für Kiefer einfahren zu können!

Interview: Katharina Untersberger