Emotionaler Abschied in Valencia: Vor dem MotoGP-Saisonfinale 2019 erklärt Honda-Pilot Jorge Lorenzo seinen Rücktritt – und spricht ausführlich über die Gründe.

Schon seit Monaten war über einen möglichen Rücktritt von Jorge Lorenzo spekuliert worden. In einer überraschend anberaumten Pressekonferenz machte der Spanier am Donnerstag ernst und erklärte, dass das MotoGP-Saisonfinale in Valencia sein letztes MotoGP-Rennen sein wird. Hier ist Lorenzos Rücktrittsrede im Wortlaut:

„Danke, dass Sie meiner Einladung so zahlreich gefolgt sind. Das bedeutet mir wirklich viel und macht mich glücklich. Ich dachte immer, dass es vier wichtige Tage im Leben eines Rennfahrers gibt: das erste Rennen, den ersten Sieg, den ersten Titel und den Tag des Rücktritts. Ich bin hier, um bekanntzugeben, dass dieser Tag für mich heute gekommen ist. Dieses Rennen wird mein letztes in der MotoGP sein. Danach werde ich meine Karriere als professioneller Rennfahrer beenden.“

„Alles begann, als ich drei Jahre alt war. Fast 20 Jahre voller Einsatz für meinen Sport. Menschen, die mit mir arbeiten, wissen, wie sehr ich ein Perfektionist bin, wie viel Energie und Leidenschaft ich immer in meinen Sport investiert habe. So perfektionistisch zu sein, erfordert viel Motivation. Deshalb waren meine neun Jahre bei Yamaha so wunderbar, wahrscheinlich die besten Jahre, die ich in meiner Karriere genossen habe.“

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„Ich fühlte, dass ich eine Veränderung brauchte“

„Ich fühlte, dass ich eine Veränderung brauchte, wenn ich dieses Engagement für meinen Sport beibehalten wollte. Deshalb habe ich mich entschieden, zu Ducati zu wechseln. Das gab mir einen großen Motivationsschub, und obwohl die Ergebnisse sehr schlecht waren, nutzte ich diese zusätzliche Motivation, um nicht aufzugeben und immer weiter zu kämpfen, bis ich diesen schönen und wundervollen Mugello-Sieg vor allen Ducati-Fans feiern konnte.“

„Später, als ich zu Honda kam, gab mir das einen weiteren großen Schub, denn ich habe mir den Traum eines jeden Fahrers erfüllt, HRC-Fahrer für Repsol Honda zu sein. Leider wirkten sich Verletzungen sehr bald auf meine Ergebnisse, meine Leistung aus. Ich war nicht in der körperlichen Verfassung, schnell und wettbewerbsfähig zu sein. Das und ein Motorrad, das sich für mich nie natürlich anfühlte, bereiteten mir viele Probleme, so wettbewerbsfähig zu sein, wie ich es wollte.“

„Wie auch immer, ich verlor nie die Geduld, ich arbeitete weiter mit dem Team und dachte, dass es wahrscheinlich eine Frage der Zeit war, bis sich alles in die richtige Richtung entwickelt. Als ich dann anfing, etwas Licht am Ende des Tunnels zu sehen, ereignete sich beim Test in Montmelo ein hässlicher Unfall. Und dann, einige Tage später, stürzte ich in Assen erneut schwer. Die Folgen, die das mit sich brachte, sind bekannt.“

Lorenzo: „Jorge, ist es das wirklich wert?“

„Ich muss zugeben, als ich durch das Kiesbett rollte und aufstand, dachte ich mir: ‚O.k., Jorge – ist es das wirklich wert, nach dem, was ich erreicht habe? Weiter zu leiden? Ich bin damit fertig, ich will nicht mehr fahren.‘ Aber dann kam ich nach Hause und ich beschloss, es zu versuchen. Ich wollte keine übereilten Entscheidungen treffen. Ich machte weiter.“

„Aber die Wahrheit ist, dass der Berg von diesem Moment an so hoch und groß für mich wurde, dass ich nicht in der Lage war, die Motivation, die Geduld zu finden, weiter zu versuchen, diesen Berg zu besteigen. Ihr alle wisst, dass ich es liebe zu fahren, ich liebe Wettkämpfe, ich liebe diesen Sport, aber vor allem liebe ich es zu gewinnen. Ich erkannte irgendwann, dass dies nicht möglich war, in dieser kurzen Zeit mit Honda.“

„In diesem Stadium meiner Karriere war es mir unmöglich, die Motivation zu erhalten. Mein Ziel, das ich mir zu Beginn der Saison in den Kopf gesetzt habe, war nicht realistisch. Ich muss sagen, es tut mir sehr leid für Honda, besonders für Alberto (Puig, Anm. d. Red.), der mir diese Gelegenheit gegeben hat. Ich erinnere mich sehr gut an diesen Tag beim Montmelo-Test. An das erste Treffen, das ich mit ihm hatte, um über meinen Wechsel zu Honda zu sprechen.“

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„Ich habe Alberto Puig und Honda enttäuscht“

„Ich sagte zu ihm: ‚Alberto, mach keinen Fehler und verpflichte den falschen Fahrer. Vertrau mir, und Du wirst es nicht bereuen.‘ Leider muss ich sagen, dass ich ihn enttäuscht habe. Und ch habe Honda enttäuscht – Takeo (Yokoyama), (Tetsuhiro) Kuwata und (Yoshihige) Nomura-san. Ich denke aber, dass das die beste Entscheidung für mich und das Team ist.“

„Honda und Jorge Lorenzo können nicht kämpfen, um am Ende des Rennens nur ein paar Punkte zu sammeln, oder unter die ersten Fünf oder vielleicht aufs Podium zu gelangen – was ich mit der Zeit für möglich gehalten hätte. Ich denke, wir beide sind Gewinner, die kämpfen müssen, um zu gewinnen.“

„Um wieder über etwas Erfreulicheres zu sprechen: Zurück zu meiner schönen und erfolgreichen Karriere. Ich sagte immer, dass ich ein Glückspilz bin. Manchmal fühle ich mich ein wenig wie in diesem Film mit dem Titel ‚One in a Billion‘, der das Leben eines indischen Basketball-Spielers erzählt, der der einzige Inder war, der jemals in der NBA gespielt hat.“

Lorenzo: „Ich war immer sehr dankbar“

„Weil ich gegen Dutzende und Dutzende von unglaublichen Fahrern meiner Generation antrat. Und keiner von ihnen hat das erreicht, was ich erreicht habe. Die meisten von ihnen schafften es nicht einmal in die Weltmeisterschaft und mussten wieder ihren normalen Jobs nachgehen. Deshalb war ich immer sehr dankbar.“

„Es ist wahr, dass ich immer ein sehr harter Arbeiter war und viel geopfert habe. Aber ohne am richtigen Ort und zur richtigen Zeit zu sein, und vor allem ohne die Hilfe vieler Menschen, die mich unterstützt haben, das zu erreichen, was ich erreicht habe, wäre das nicht möglich gewesen. Deshalb bin ich auch hier, um mich bei allen für diese Hilfe zu bedanken, besonders bei Carmelo und der Dorna. Sie haben mich immer gut behandelt und machen diesen Sport zu etwas Großartigem.“

„Mein Dank gilt auch allen Herstellern, die an mich geglaubt und mich während meiner Karriere verpflichtet haben – Derbi, Aprilia, Yamaha, Ducati, Honda. Besonders Giampiero Sacchi, Gigi Dall’Igna, Lin Jarvis und Alberto Puig. Und natürlich danke ich meiner Mutter, die mich auf diese Welt gebracht hat. Und meinem Vater, weil er mir diese Liebe für Motorräder vermittelt und viele Opfer gebracht hat.“

„Ich danke Juanito (Llansa), der immer loyal war und in meiner Karriere bei mir geblieben ist. Und meinen Fans, meinem Fanclub, allen Fans der MotoGP im Allgemeinen, sie gestalten den Sport maßgeblich mit. Ich danke euch allen für die Hilfe. Es war ein Vergnügen, mit euch zusammenzuarbeiten. Und ich wünsche euch von ganzem Herzen alles Gute, viel Glück beruflich und auch persönlich. Vielen Dank!“