ServusTV-Experte Alex Hofmann im zweiten Teil des Interviews: Schlägt endlich die große Chance von Andrea Dovizioso? Und warum KTM auf die „jungen Wilden“ setzt.

Im zweiten Teil des Interviews spricht ServusTV-Experte Alex Hofmann über die Chancen von Ducati. Wird Andrea Dovizioso die Verletzung von Marc Marquez nutzen und kann endlich Weltmeister werden? Und was läuft bei den Vertragsverhandlungen (schief)?

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KTM setzt für die Zukunft konsequent auf Nachwuchsfahrer aus den eigenen Reihen und ergänzt sie mit Routinier Danilo Petrucci. Warum das der richtige Schritt ist, analysiert der ServusTV-Experte für „Motorsport-Total.com“.

Alex, wenn man auf die vergangenen Jahre blickt und Marc Marquez wegrechnet, dann müsste Andrea Dovizioso eine sehr gute Chance haben. Es kommen Strecken, die der Ducati besser liegen sollten als Jerez. Muss Dovizioso eigentlich gewinnen, weil er ansonsten niemals Weltmeister wird?

Alex Hofmann:  Ich gehe davon aus, dass sich diese Frage jetzt einige Leute stellen. Klar denken sich die Jungs, dass sie den Marc schlagen können, wenn alles passt. Ich glaube, dass aber alle wissen, dass die Chancen in den nächsten Jahren weiterhin schlecht sind, wenn Marc keine Fehler macht und fit ist.

Die Logik spricht für Dovizioso. Ich möchte aber abwarten und sehen, was Quartararo auf Strecken wie Brünn und Spielberg kann. Wir müssen abwarten, ob Jerez bei ihm ein eigener Faktor ist, oder ob er es durchziehen und auf jeder Strecke ums Podium fahren kann.

Dann wäre er mit seiner Unbeschwertheit wahrscheinlich auch ein Kandidat. Aber auch Vinales ist vielleicht jemand auf der Liste. Wie geht Vinales mit dem Druck von Quartararo um?

Und wie geht Quartararo mit dem Druck als WM-Führender um? Es kommen jetzt auch Strecken, die für Quartararo im vergangenen Jahr okay waren, aber nicht außergewöhnlich gut. Das sind die Infos, die wir in den kommenden Wochen erhalten werden.

Alex Hofmann: Es gab nie eine Liebesbeziehung

Bei Dovizioso und Ducati sieht es bezüglich Vertragsverlängerung seit Monaten von außen etwas seltsam aus. Erst Ende August wollen sie sich festlegen. Es wirkt, als würde diese Liebesbeziehung nicht mehr richtig funktionieren.

Alex Hofmann: Ich bin ganz ehrlich und sage, dass ich die große Liebesbeziehung zwischen Dovizioso und Ducati nie gesehen habe. Es war immer eine gute, tolle Zusammenarbeit. Aber ich habe nie diese Connection gesehen, die Valentino Rossi vielleicht eine Zeit mit Yamaha hatte oder jetzt Marc und Honda haben.

Wenn man merkt, dass der große Chef von Ducati nicht so zu 100 Prozent überzeugt ist, dann kommt das bei den Fahrern nicht gut an. Da stand schon die ganze Zeit etwas zwischen ihnen und so richtig verliebt habe ich das Pärchen nie gesehen.

Aber was sind die Alternativen? Ducati hat es verpasst, sich junge Wilde zu schnappen. Vielleicht drängt sich jetzt Francesco Bagnaia als Italiener auf. Das wäre meiner Meinung nach die Variante, die sie gehen sollten. So macht es KTM auch.

So viele junge Talente wachsen auch nicht auf den Bäumen. Dann würde Dovizioso eventuell übrigbleiben. Stand jetzt ist er aber immer noch derjenige, der Ducati die besten Chancen auf den WM-Titel bringt. Und darum geht es. Ob man da die große Liebe spürt, ist nebensächlich.

In Jerez war Dovizioso im Ziel auch in beiden Rennen der beste Ducati-Fahrer.

Alex Hofmann: Am Ende des Tages geht es nur ums Ergebnis. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass sie mangels Alternativen doch wieder zusammen sein werden.

Alex Hofmann: KTM wird jetzt im Fahrerlager ernst genommen

In Jerez war der Performance-Schritt von KTM enorm. Vom Ergebnis her wäre mehr möglich gewesen, aber der Schritt ist im Vergleich zum Vorjahr sehr positiv.

Alex Hofmann: Ja. Also das ist auf technischer Seite gefühlt der größte Schritt, den wir gesehen haben. Für KTM war es schade, dass sie so lange darauf warten mussten, um es auf der Strecke zu zeigen. Im Winter hat sich schon angedeutet, dass die Rookies mit dem Bike gut zurechtkommen.

In Jerez waren die Bedingungen extrem und es hat nicht viel dafür gesprochen, dass KTM dort so gut aussieht. Sie hatten am Wochenende auch noch einiges an Pech. Da wird noch viel mehr kommen. Die RC16 ist jetzt ein ernstzunehmendes MotoGP-Bike. Das hat jetzt jeder im Fahrerlager mitbekommen.

In den vergangenen Wochen hat Dani Pedrosa zweimal in Brünn getestet. Während der Corona-Pause haben Pedrosa und Pol Espargaro in Spielberg getestet. Alle anderen Teams waren das letzte Mal im August vergangenen Jahres dort. Ein klarer Vorteil für KTM?

Alex Hofmann: Natürlich. Ohne dem Stefan [Bradl] zu Nahe zu treten, aber der Testfahrer, der mit seiner langjährigen Erfahrung den größten Input bringen kann, ist Dani Pedrosa. Der Vorteil ist, dass sie jetzt nicht mehr viel testen müssen, sondern es geht um Feinabstimmung.

KTM wird alles daran setzen, in Brünn und zweimal in Spielberg für Furore zu sorgen. Alle Updates, die man in der kurzen Zeit bringen kann, wird man einsetzen.

Natürlich konnte man dort auch testen. Das war ein Vorteil, weil Österreich im Vergleich zu vielen Ländern nicht so stark vom Coronavirus betroffen war. Die beiden Strecken sind in der Nähe. Das war ein Umstand, der einen Vorteil gibt. Alle anderen hätten es genauso gemacht, ob Japan oder Italien.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ducati nicht in Italien getestet hätte, wenn die Möglichkeit bestanden hätte. Natürlich war für KTM etwas Glück im Unglück dabei. Für die Meisterschaft ist es gut, wenn KTM in den Top 6 und auf jeden Fall in den Top 10 dabei ist.

KTM: Junge Fahrer die richtige Entscheidung

Warum hat Ihrer Meinung nach KTM die richtige Entscheidung getroffen, in Zukunft auf Brad Binder und Miguel Oliveira zu setzen?

Alex Hofmann: Was gibt der Markt her? Man kann Marc Marquez jagen, aber der ist bis 2024 an Honda gebunden. Bei allen anderen Alternativen weiß man, was man bekommt. Die Jugend kann man noch biegen. Das merkt man mit Brad Binder. Er ist komplett unversaut, was angenehm ist.

Es wird keiner sagen: „Aber die Yamaha ist so zu fahren oder die RCV so.“ Brad kommt wie ein neuer, frischer Schwamm und saugt alles auf. Er hinterfragt nichts, sondern will einfach nur schnell fahren. Das ist der Vorteil bei Rookies.

Lieber baut man sich seine eigenen Stars günstig auf. Beide kommen aus dem Rookies-Cup, womit man die ganze Geschichte erzählen kann. Da der Markt Marc Marquez nicht hergibt, versuchen sie mit ihren eigenen Rookies ein Paket aufzubauen.

Das meine ich auch bei Ducati. Man weiß ja, was Francesco Bagnaia kann. Im vergangenen Jahr hat man das noch nicht sehen können. Jetzt wäre er mit einem Wahnsinnsrennen Zweiter geworden. Und darauf muss man aufbauen.

Hat Sie bei KTM die Verpflichtung von Danilo Petrucci überrascht?

Alex Hofmann: Nein, nicht wirklich. Es ist auch da immer eine Frage der Alternativen. Ich glaube, KTM war etwas überrumpelt vom Weggang von Pol Espargaro. Sie wollten dann relativ schnell Ruhe reinbringen, ansonsten hätte man noch warten können, wie sich die Moto2 entwickelt.

Was kann Petrucci zu KTM mitbringen? Er hat natürlich Erfahrung von Ducati, aber er gilt nicht als kommender Weltmeister? Kann er für die jungen Fahrer eine Art Referenz sein?

Alex Hofmann: Genau. Man weiß, was er kann. Wenn es regnet und nass ist, dann ist Danilo auch ganz klar ein Podiumskandidat. Es ist ein Team mit praktisch drei Rookies und einem erfahrenen Mann. Ich glaube, viele Verträge sind in die Corona-Zeit auch gefallen, weil man nicht warten und auch den Sponsoren etwas präsentieren wollte.

Aprilia hat Potenzial, aber …

Es ist schon ein paar Jahre her, seit Sie Testfahrer bei Aprilia waren. Wie gefällt Ihnen die neue RS-GP?

Alex Hofmann: Sie gefällt mir sehr gut. Ich bin ehrlich, mir hat Aprilia immer gut gefallen. Leider sehe ich die üblichen Probleme. Die Performance ist eventuell da, aber die Zuverlässigkeit lässt zu wünschen übrig. Man merkt schon, dass für Aprilia das Potenzial da ist, mit den Großen mitzuspielen.

Trotzdem fehlt ihnen dieser letzte Touch, den es braucht – vom Budget her und auf technischer Front. Diese Möglichkeiten fehlen leider. Ich befürchte, dass sie im Vergleich zu KTM doch weit hinterherhinken werden.

Das Potenzial ist da, die Techniker sind nicht schlecht. Es ist alles gut, aber vier gleiche Motorräder hinzustellen und alles konsequent durchzutesten, das schaffen sie leider nicht. Das merkt man dann am Rennwochenende, wenn so kleine Fehlerquellen dazukommen.

Und Aleix Espargaro bringt es auch nicht immer auf den Punkt und stürzt immer mal wieder.

Alex Hofmann: Das ist aber schwierig zu beurteilen, weil er immer versucht, permanent das Beste aus dem Paket herauszuholen. Dann überfährst du es. Wenn die anderen die Ruhe haben und wissen, was ihr Motorrad kann, dann muss er immer am Limit sein. Dann passieren natürlich Fehler.

Moto2: Schrötter & Lüthi bisher enttäuschend

Blicken wir noch auf die Moto2. IntactGP ist mit großen Erwartungen in die Saison gestartet, aber bisher waren Tom Lüthi und Marcel Schrötter ziemlich enttäuschend. Wie sehen Sie das?

Alex Hofmann: Ich sehe das leider nicht anders. Ich würde es gerne anders formulieren, aber beide sind als Top-6-Kandidaten ins Jahr gestartet. Beide haben in Jerez auch gezeigt, dass sie schnelle Runden fahren können. Aber beide haben es dann nicht geschafft, das im Qualifying und im Rennen umzusetzen.

Da müssen sie schon mal für sich selbst schauen und herausfinden, warum das passiert ist. Man darf sich aber nicht mental zu viel Druck machen. Das dürfte den beiden so langsam nicht mehr passieren, weil die jungen Wilden nachkommen.

Ein Jorge Martin und Co. warten nicht, bis Lüthi und Schrötter ihre Schritte gemacht haben. Sie ziehen links auf der Überholspur vorbei und ab geht die Post. Es ist schon ein hartes Business.

Wie geht es Ihnen dabei, dass nicht alle ins Fahrerlager dürfen und die Tribünen leer sind. Das könnte sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Kann das langfristige Auswirkungen auf den Sport haben?

Alex Hofmann: Ich gehe auf Zahlen und Fakten ein, denn daran müssen wir uns aufhängen. In der TV-Branche wird man immer an Marktanteilen und Einschaltquote gemessen. Beide Jerez-Rennen waren neue Rekorde für ServusTV-Deutschland. Der Sender hat lange von Marktanteilen von vier Prozent in Deutschland geträumt.

Laut Marktforschung hatten wir beim ersten Jerez-Rennen Durchschnitts-Reichweiten von 513.000 Zusehern und beim zweiten 653.000. Das ist das Positive. Natürlich finde ich es schlecht, dass keine Fans zu den Rennen dürfen und dass ich nicht vor Ort sein und recherchieren darf.

In der ganzen Corona-Krise besteht natürlich auch die Angst, wie es mit einem Sport weitergeht, der absolut nicht systemrelevant ist. Ich bin unglaublich froh, dass die Leute daheim unseren Helden zusehen. Ich verstehe natürlich die Dorna mit ihrem Sicherheitsprotokoll, denn sonst steht die Meisterschaft komplett.

Zwischen all den Online-Sachen, die es jetzt gibt, finden es die Leute geil, wenn sie echte Helden haben, die Gas geben und eine Show bieten. Es ist derzeit der beste Motorsport. Und ich glaube, das muss man in den Vordergrund stellen.

Die MotoGP in Tschechien: Favorit Fabio Fantastique