Lin Jarvis, Paolo Ciabatti und Davide Brivio und ihre Gedanken zum Rückzug von Jorge Lorenzo: Die MotoGP-Bosse blicken auf die große Karriere des Ex-Honda-Stars zurück.

Vor gut einer Woche erklärte Jorge Lorenzo seinen Rücktritt. Das MotoGP-Saisonfinale in Valencia war das letzte Rennen des Spaniers, der seit 2002 fester Bestandteil der Motorrad-WM war. Zwei Mal wurde er 250er-Weltmeister, drei Mal sicherte er sich in der Königsklasse den Titel mit Yamaha. Und wechselte später erst zu Ducati und danach zu Honda.

Yamaha-Rennchef Lin Jarvis erinnert sich gerne an die Zeit mit Lorenzo zurück. „Wir haben offensichtlich ein sehr, sehr besonderes Verhältnis mit ihm“, betont er. „Wir arbeiteten neun Jahre zusammen, was recht ungewöhnlich ist für einen Hersteller. Also einen Fahrer neun Jahre ohne Unterbrechung unter Vertrag zu haben.“

„Er kam in einem jungen Alter zu uns und hat sein Talent gleich zu Beginn unter Beweis gestellt. Er fuhr drei Pole-Positions ein, gleich in den ersten Rennen mit uns. Was folgte, waren drei WM-Titel“, blickt Jarvis zurück. Lorenzos MotoGP-Debüt sei eines mit „Bang“ gewesen. Schon beim dritten Grand Prix stand er ganz oben auf dem Treppchen.

Jarvis: „Lorenzo hat gezeigt, wie er als Person gereift ist“

Mit Yamaha gewann der Spanier in neun Jahren insgesamt 44 Mal, stand 107 Mal auf dem Podest. 2010, 2012 und 2015 wurde er Weltmeister. „Ich denke, er hatte eine fantastische Karriere“, sagt Jarvis stolz. „Wir erinnern uns gerne an die Zeit mit ihm zurück. Auch weil er der Fahrer ist, der uns die letzten drei WM-Titel beschert hat.“

Wie sich Lorenzo aus dem Renn-Zirkus verabschiedete, beeindruckte seinen ehemaligen Rennleiter. „Ich war mit der Pressekonferenz, die er gegeben hat, sehr glücklich“, verrät Jarvis. „Denn so viele Leute waren gekommen, alle Fahrer, alle Journalisten, die Teammanager. Sie haben ihm ihren Respekt entgegen gebracht.“

„Und die Art und Weise, wie er das Meeting bewältigt hat, war hervorragend. Es hat gezeigt, wie Jorge auch als Person gereift ist. Im Vergleich zu dem jungen, unbedarften Kerl, der er war, als er zu uns kam. Heute ist er ein sehr erwachsener und talentierter Athlet, der eine wunderbare Karriere hatte“, lobt der Yamaha-Mann Lorenzo.

Cabatti lobt Lorenzos Zuversicht in schwerer Ducati-Zeit

Bei Ducati wollte der heute 32-Jährige beweisen, dass er auch auf einem anderen Motorrad siegfähig ist. Doch bis dahin war es ein beschwerlicher Weg. Ducati-Sportdirektor Paolo Ciabatti sagt: „Jorge war nur zwei Jahre bei uns. Und ehrlich gesagt war das Ziel, mit ihm 2017 die anderen Hersteller herauszufordern und um den WM-Titel zu kämpfen.“

„Das ist leider nicht passiert, tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Wir konnten sechs Rennen mit Andrea Dovizioso gewinnen und gegen Marc Marquez bis zum Saisonfinale in Valencia kämpfen. Währenddessen hatte Jorge eine sehr schwierige Zeit. Aber der Punkt ist: Er hat nie die Zuversicht verloren, dass er mit uns erfolgreich sein kann.“

Genauso habe Ducati nie das Vertrauen in Lorenzo verloren. „Wir arbeiteten daran, die richtigen Schritte zu machen. Das hat letzten Endes dazu geführt, dass das Motorrad auch für alle anderen Fahrer verbessert wurde. Er war sehr anspruchsvoll, unsere Ingenieure mussten Tag und Nacht arbeiten, um das Bike seinem Fahrstil anzupassen.“

„Ein großartiger Mensch mit dem Herz am rechten Fleck“

Doch die Arbeit zahlte sich aus. „Ab Mugello 2018 zählte er zu den schnellsten Fahrern“, erinnert sich Ciabatti. „Ironischerweise hatten wir zu dem Zeitpunkt bereits beschlossen, für das kommende Jahr getrennte Wege zu gehen. Er gewann die Rennen in Mugello, Barcelona und Spielberg. Ich denke, er hätte noch mehr gewinnen können.“

Immer wieder bremsten Verletzungen Lorenzo aus. Trotzdem sagt Ciabatti: „Wir haben sehr gute Erinnerungen. Er ist ein toller Kerl, vielleicht auch etwas kontrovers. Aber ich kenne ihn gut und weiß, dass er ein großartiger Mensch ist, der das Herz am rechten Fleck hat. Für seine Zukunft abseits des Rennsports wünschen wir ihm nur das Allerbeste.“

Davide Brivio kennt Lorenzo aus seiner Zeit als Manager des Yamaha-Teams von Valentino Rossi. Er weiß, dass es der Spanier gegen die MotoGP-Lichtgestalt nicht immer leicht hatte. „Ich habe noch so viel mit ihm gearbeitet. Wir waren zwar beide bei Yamaha, aber zu dieser Zeit handelte es sich mehr um Rivalen als um Teamkollegen.“

Yamaha-Duell mit Rossi eine Herausforderung

„Für mich war ziemlich beeindruckend, wie er seine Karriere in der MotoGP startete. Ich erinnere mich an die Winter-Tests. Er war sofort schneller, als man es von einem Rookie erwarten konnte. Drei Pole-Positions in den ersten drei Rennen, der erste Rennsieg – und das war nur der Anfang“, lässt Brivio Lorenzos Einstand Revue passieren.

„Als er zu Yamaha kam, war Valentino Rossi sein Teamkollege. Das war nicht einfach für ihn“, gibt der heutige Suzuki-Teammanager zu bedenken. „Über die Jahre habe ich ihn als sehr lernfähig wahrgenommen. Es gab einige harte Momente, einige Rückschläge. Aber er hat vielleicht nie zwei Mal auf dieselbe Art und Weise verloren.“

In schwierigen Momenten, etwa wenn er ein Rennen verlor, habe Lorenzo stets daraus gelernt, um es beim nächsten Mal besser zu machen. „Das war recht beeindruckend und hat sicher dazu beigetragen, dass er so erfolgreich war und die WM gewann. Er hat verdient, was er erreicht hat. Es ist schade, dass er zurückgetreten ist.“

Sein Vermächtnis aber lebe weiter. „Er hat oft in besonderer Weise gewonnen. Ich erinnere mich, dass er einer der ersten Fahrer war, der das Rennen nach der ersten Runde mit 1,3 Sekunden Vorsprung angeführt hat. Dazu war sonst niemand in der Lage“, sagt Brivio. „Insofern hat er viele neue Dinge in den Sport gebracht und die Gegner gepusht.“