ServusTV-Experte Stefan Nebel analysiert die aktuelle Situation rund um Kiefer Racing. Ein Kommentar des ehemaligen deutschen Superbike-Meisters:

Kiefer – Was für ein Begriff. Ich werde nie vergessen, wie 1996 die Kiefer-Truppe im Fahrerlager mit Christian Gemmel aufgetaucht ist. Christian Gemmel war damals ein richtig krasser, junger, völliger Chaot – auch heute noch ein Chaot – der damals in Idar-Oberstein wie ein Geistesgestörter mit dem Motorrad auf der Landstraße gefahren ist. Und Kiefer hat gesagt: „Ey, was hältst du denn davon, wenn du Rennfahrer wirst? Wir wollen gerne ein Team aufmachen.“ 

Und damals haben die 1996 ein Junior Cup-Team gemacht. Es war auch das Jahr, in dem ich mit meinen Eltern eingestiegen bin. Und dann standen wir immer zusammen – mit Chris Gemmel und den Kiefers, also Jochen und Stefan. Das war auch der Grund, warum es mich so unfassbar getroffen hat, als Stefan von uns gegangen ist. Man kann sich ja ausrechnen, wie lange ich die Truppe bereits kenne. Und das Schöne ist, was sogar der krasseste Fakt über Kiefer ist: Die haben gelebt wie ein Rennfahrer. Damit meine ich, sie haben einen Entschluss gefasst und hatten ein Ziel. Und dann sind sie mit diesem Ziel, den Sponsoren und dem persönlichen Engagement – und das war nichts Anderes außer eine Passion – in den Rennsport eingestiegen. Sie haben damals Christian Gemmel vom Junior Cup bis in die 250er-Weltmeisterschaft gebracht. Und waren dann dort – und haben sich dort gehalten.

„Kiefer würde in Spanien oder Italien gefeiert werden“

Es ist zwar ein Team und kein Rennfahrer, deswegen hat man da vielleicht eine andere Sichtweise, aber die haben genauso gekämpft. Sie haben auch Weltmeisterschaftstitel geholt. Und das aus Deutschland. Kiefer Racing ist ein Team, das normalerweise in Spanien oder Italien gefeiert werden würde. Dort wäre das gar keine Frage, weil es Bestand hat. Es ist schlimm genug, dass sie aus der Weltmeisterschaft rausrutschen. Da haben aber mit Sicherheit auch private Gründe mitgespielt. Stefan und Jochen waren halt eins. Stefan fehlt in der Organisation und ich glaube, die Passion hat natürlich darunter gelitten und dadurch vielleicht so ein bisschen die Ausstrahlung.

Und eben auch das Verständnis, sich mit breiter Brust nach vorne zu stellen und sich dessen bewusst sein, was und wer man eigentlich ist und schon geleistet hat. Vielleicht sollte man das gegenüber den Sponsoren dann auch anders rüberbringen. Ich würde es extremst bedauern, wenn dieses Team jetzt den Schritt in eine einfachere Klasse gemacht hat – was auch die Organisation angeht – und es trotzdem nicht schafft.

Obwohl sie gleichzeitig mit der Passion auch für weitere Rennfahrer, die gerade auf dem aufsteigenden Ast sind, da sind. Das ist zum Beispiel auch etwas, das Kiefer immer gemacht hat: Sie hatten praktisch nie einen fertigen Fahrer für die WM. Sondern sie haben sowohl damals mit Danny Kent als auch mit Stefan Bradl etwas erreicht, was sie danach nie mehr erreicht haben. Das heißt, sie hatten auch eine mega positive Ausstrahlung. Und es ist einfach brutal schade, wenn diese Ausstrahlung und diese Passion, die sie auch übertragen können, nicht weiter auf Rennfahrer gemünzt wird.

„Ein Worst-Case-Szenario“

In diesem Fall ist es das Worst-Case-Szenario, dass es zwei deutschsprachige Piloten (Anm.: den Deutschen Lukas Tulovic und den Österreicher Thomas Gradinger) trifft. Zwei, die ein extremes Talent haben. Ich glaube, mit der Nestwärme von Kiefer hätten sie auch über sich hinauswachsen können in der WorldSSP. 

Und deswegen sollte man die Daumen drücken, dass es trotzdem noch funktioniert.

Text: Stefan Nebel