Rossis Ex-Rivale Sete Gibernau blickt auf den viel diskutierten Rempler des Italieners 2005 in Jerez zurück – und glaubt, dass das der Türöffner für weitere aggressive Manöver war.

Am 10. April 2005 fand der MotoGP-Saisonauftakt in Jerez de la Frontera statt. Und es wurde ein Rennen, das in die Geschichte eingehen sollte. Damals befand sich die Rivalität zwischen Valentino Rossi und Sete Gibernau auf dem Höhepunkt. Das Duell der beiden bestimmte damals das Renn-Geschehen auf der andalusischen Strecke. Und endete mit einer kontroversen Kollision in der allerletzten Kurve des Rennens…

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Rossi, damals amtierender Weltmeister im Yamaha-Werksteam, hatte am Samstag die Pole-Position erobert. Vize-Champion Gibernau, damals auf einer Honda im Gresini-Team, startete neben dem „Doctor“ als Zweiter. Nach einer turbulenten Anfangsphase, in der sich Rossi und Gibernau mehrmals überholten, übernahm schließlich Gibernau vor seinem Heim-Publikum die Führung.

Der Spanier führte das Rennen auch lange an, aber Rossi blieb ihm immer dicht auf den Fersen. In der vorletzten Runde attackierte Rossi – und schaffte das Überholmanöver. Vermeintlich die Entscheidung, denn die blaue Yamaha fuhr sofort einen kleinen Vorsprung heraus. Dann aber unterlief Rossi ein Fehler, den Gibernau nutzte: Der Lokalmatador schlüpfte durch, begann die letzte Runde in Führung liegend.

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Rossi probiert alles entscheidendes Manöver

Dann passierte es! In der letzten der 27 Runden zog Rossi vor der engen Zielkurve, einer Links, nach innen und probierte ein alles entscheidendes Überholmanöver. Gibernau war außen – und als er nach innen einbog, war dort Rossi. Es kam zur Kollision, bei der auch der vordere Kotflügel der Honda brach. Gibernau wurde durch den Rempler weit nach außen und neben die Strecke befördert. Rossi fuhr innen durch und als Triumphator über die Ziellinie.

Gibernau konnte im Kiesbett einen Sturz verhindern und schaffte es noch als Zweiter ins Ziel. Er war stinksauer über Rossis Manöver, ebenso wie seine Fans. Während bei der Siegerehrung für Rossi die italienische Hymne gespielt wurde, veranstalteten die spanischen Gibernau-Anhänger ein gellendes Pfeifkonzert. Trotzdem verzichtete das Gresini-Team auf einen Protest. Und die Saison 2005 hatte gleich mit einem großen Knall begonnen.

Sete Gibernau blickt aus heutiger Sicht zurück

Wie bewertet Gibernau heute, 15 Jahre später, besagtes Manöver von Rossi? „Ich weiß nicht, wie oft wir über diese Kurve gesprochen haben. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr verstehe ich, dass sich danach die Dinge verändert haben. Viele Leute haben dieses Manöver gesehen. Das hat die Türe geöffnet, dass so etwas viel öfter passiert ist.“

„Zwischen Valentino und mir herrschte damals eine große Rivalität“, blickt Gibernau bei ‚BT Sport‘ zurück. „Wir wussten beide, wie wichtig dieses Rennen für uns war. Und haben das gemacht, was unserer Meinung nach das Beste für unsere Meisterschafts-Ambitionen war.“

Nach diesem Jerez-Rennen stand Gibernau nur noch drei weitere Male als Zweiter auf dem Podest. Gewonnen hat er seitdem nie mehr. Der Iberer glaubt, dass Rossis Rempler prägend war für junge Fahrer, die die Szene damals im TV sahen. „Meiner Meinung nach haben sich die Dinge in der MotoGP verändert. Wie das Verständnis für Racing ist.“

Speziell in den letzten sieben Jahren gehen die Fahrer im Zweikampf härter miteinander um. Berührungen sind keine Seltenheit. Schwarze Kampfspuren von Remplern und Kollisionen sind häufig auf den Lederkombis zu erkennen. Marc Marquez beispielsweise fuhr in Jerez 2013 in der Zielkurve im Duell um Platz zwei gegen Jorge Lorenzo fast das gleiche Manöver.

Gibernau: Gefährliche Situationen sollten vermieden werden

Bei Rossi und Gibernau griffen die Rennkommissare nicht ein. Ebenso wenig wie bei Marquez und Lorenzo Jahre später an gleicher Stelle. Deswegen glaubt Gibernau nicht, dass die Rennkommissare heute anders handeln würden. „Ich glaube nicht – aber ich sehe das anders. Es sind meine Gedanken. Ich muss nicht richtig oder falsch liegen.“

„Jeder hat seine eigene Meinung. Wenn ich mich jetzt in die Situation versetzen würde, sehe ich eine Situation wie damals. Zwei Fahrer riskieren in einer schwierigen letzten Kurve ihr Leben, indem sie sich berühren. Und wenn ich mit meinem Sohn, der gerne Rennfahrer werden will, zuschauen würde, und alle würden dem Kerl, der den anderen berührt hat, den Sieg geben – dann möchte ich nicht, dass so etwas passiert.“

„Ich will nicht, dass sich jemand verletzt. Das ist eine der Prioritäten für mich. So verstehe ich den Sport und das Racing“, stellt Gibernau klar. „Die MotoGP ist ohnehin sehr gefährlich. Meiner Meinung nach sollten wir all unser Wissen verwenden, um solche Situationen zu vermeiden. Ist es schwierig, das zu tun? Ja. Ist es unmöglich? Das glaube ich nicht.“

„Es ist die Verantwortung von demjenigen, der die Meisterschaft leitet. Es müssen Regeln definiert werden, damit solche Situationen verhindert werden. Denn wir riskieren mehr als nur einen Sturz“, vertritt Gibernau einen klaren Standpunkt. „Trotzdem blicke ich zurück und sehe es als großartiges, außergewöhnliches Rennen. Mental sehr fordernd. Aber ich habe es genossen, bis auf die letzte Kurve.“