ServusTV-Experte und Honda-Testfahrer Stefan Bradl über die Honda-Testfahrten, die Schulterprobleme von Marc Marquez und Rookie Alex.

Als ServusTV-Experte und Testfahrer für Honda hat Stefan Bradl viele Einblicke in die MotoGP-Welt und das aktuelle Geschehen. Knapp zwei Wochen vor dem Start in die neue MotoGP-Saison 2020 spricht der Deutsche im Exklusiv-Interview über die Testfahrten mit der neuen Honda, die Schulterprobleme von Weltmeister Marc Marquez, seine Einschätzung von Rookie Alex Marquez sowie seine eigene Zukunft.

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servusmotogp.com: Wie liefen die Testfahrten 2020 beim Shakedown in Sepang Anfang Februar?

Stefan Bradl: Es war ein Basis-Test und der lief gut. Viel darf ich nicht verraten, aber wir haben die ersten neuen Teile, die von Honda nach dem Winter gekommen sind, getestet. Außerdem hat man in Malaysia normalerweise immer gute Wetterbedingungen, um das Ganze richtig auszuprobieren. Das ist in Europa um diese Jahreszeit etwas schwierig. Wir hatten einen großen Test-Plan, den wir abgearbeitet haben.

servusmotogp.com: Was war die größte Challenge?

Stefan Bradl: Das ist immer körperlich, weil du aus dem Winter in Europa kommst und in Malaysia hat es dann plötzlich 35 Grad und extreme Luftfeuchtigkeit. Man ist zwar körperlich im Training, aber man ist auch lange nicht mehr auf dem Bike gesessen. Da pumpt man dann schon ein bisschen. Man merkt, wie anstrengend Motorradfahren ist. Sobald man seinen Rhythmus hat, tut man sich auch gleich wieder leichter. Und natürlich darf man nicht vergessen, dass auf einen Schlag dann so viel kommt, wo man mitdenken muss beim Fahren. Ist das neue Teil besser oder schlechter? Kann das was? Im Anschluss analysierst du lange in der Box mit deinen Jungs. Rundenzeiten und Performance stehen daher nicht im Vordergrund.

servusmotogp.com: Und die Testfahrten in Jerez?

Stefan Bradl: Die Testfahrten in Jerez sind ins Wasser gefallen. Ich war erkältet und das Wetter ließ an den zwei verregneten, kalten Tagen nichts zu. Das war leider sinnlos. Die Arbeit haben wir dann in das Sepang-Paket mit reingeschoben. Deshalb war es massiv viel Technik. Aus Fahrersicht war daher viel abarbeiten und wenig Performance auf der Rennstrecke, um die Rundenzeiten mit den Jahren davor zu vergleichen.

servusmotogp.com: Was dürfen Sie über die Entwicklung der Honda 2020 verraten?

Stefan Bradl: Wir haben beim Test sehr viele Sachen durchprobiert. Da war sehr viel Positives und Negatives dabei. Wenn man dann das Paket zusammenschnürt, denke ich, haben wir einen Sprung gemacht. Das läuft dann alles in die Analyse in Japan ein. Dort wird alles nochmal durchgekaut und zusammengefasst, wie es dann weiter geht. Es ist aber schwer einzuschätzen, wer über den Winter welchen Sprung gemacht hat. 2019 war ich dann auch bei den offiziellen Testfahrten dabei, weil ein Fahrer verletzt war. Dieses Mal jedoch nicht. Nach den offiziellen Testfahrten haben dann auch Marc und Alex ihre Eindrücke preisgegeben, damit Japan die Kommentare aller Fahrer gut filtern kann und dann wieder in die Entwicklung geht.

servusmotogp.com: Wie steht es denn um Marc Marquez und seine Schulterprobleme nach der Operation?

Stefan Bradl: Marc war nicht 100 Prozent fit, aber das war nach seiner Schulter-Operation vorauszusehen. Marc habe ich in Sepang nicht gesehen, ich habe nur sehr viel mit Alex gesprochen. Marc weiß es selber am besten, aber ich denke, dass er noch ein paar Probleme hat. Wenn ich es mit dem Vorjahr vergleiche, dann sehe ich ihn auf einem ähnlichen Level. Er wird beim ersten Rennen auch fit sein. Außer, bei der Operation ist etwas nicht gut verlaufen. Aber das kann man von außen schwer beurteilen. Ich glaube nicht, dass er nochmals operiert werden muss. So schlimm ist es nicht.

servusmotogp.com: Wie schätzen Sie den jüngeren Bruder Alex ein, der heuer mit Honda in seine Rookie-Saison in der MotoGP geht?

Stefan Bradl: Sehr sehr positive erste Eindrücke. Alex ist sehr klug, auch von seiner Herangehensweise her. Er hat sich viel mit Marc abgesprochen, das ist in der Familie Marquez das Thema Nummer eins. Alex hat nun eine großartige Chance. Natürlich hat er auch Druck – weil Bruder und Repsol Honda. Die Erwartungen an Alex sind daher hoch. Was ich mich mit ihm unterhalten habe und ihn auf der Strecke beobachtet habe, geht er sehr vernünftig und gut heran. Er ist gewissenhaft vorbereitet und bereit, die Challenge nun anzunehmen. Wie die ersten Rennen verlaufen, werden wir sehen. Da muss man ihm auch schon ein bisschen Zeit geben. Aber ich bin positiv überrascht, dass er so strukturiert vorgeht.

servusmotogp.com: Tauschen Sie sich mit ihm aus?

Stefan Bradl: Ja, meistens tauscht man sich über das Material aus. Technisch unterhalten wir uns sehr viel. Auch an den Rennstrecken, wenn ich mit ServusTV unterwegs bin. Ich schau bei den Jungs vorbei und dann kaut man auch vieles durch. Fahrer-Tipps holt er sich momentan eher noch von Marc (schmunzelt). Schauen wir mal, wie lange das geht. Man wird dann erst sehen, wie er sich in der Druck-Situation im Rennen schlägt. Denn das ist glaube ich seine größte Challenge.

servusmotogp.com: Alex Marquez schätzt sich selber zwischen Platz 10 und 15 ein. Ist das realistisch, wie schätzen Sie das ein?

Stefan Bradl: Ich sehe das schon realistisch. Wobei ich ihn schon in den Top 10 sehe. Aber ein Rennen ist etwas anderes als ein Test. Es kann so viel passieren. Ich denke, er hat das Potenzial unter die ersten Zehn zu fahren – vom Start weg.

servusmotogp.com: Wie werden die beiden Brüder die Saison angehen? Tauschen sie sich untereinander aus?

Stefan Bradl: Ich schätze es so ein, dass sich bei einem Rennwochenende jeder auf sein Zeug konzentrieren wird. Das ist auch wichtig so. Marc muss das so machen, denn er will seinen Titel verteidigen und die Zeit braucht er auch. Es wird aber sicher so sein, dass – sobald sie im Hotel oder Motorhome sind – nach dem Training oder so, Marc dem Alex sicher ein paar Tipps gibt und sie sich absprechen. Immerhin sind sie ja auch im selben Team. Sie sind Brüder, sie werden sich also mehr helfen, als sich im Weg zu stehen. Alex ist zwar einen Tick größer, aber wenn du die beiden auf dem Motorrad siehst – Fahrstil, Position auf dem Motorrad – dann ist klar, dass sie verwandt sind (schmunzelt).

servusmotogp.com: Besteht Gefahr, dass der Druck für den jüngeren Bruder so groß wird, dass er daran zerbricht?

Stefan Bradl: Ja, das ist schon möglich. Alex ist meiner Meinung nach mehr der Denker. Marc ist eher der Intuitive, der denkt nicht viel, sondern macht und es flutscht einfach. Er hat diese Selbstverständlichkeit, den Ehrgeiz und das Durchsetzungsvermögen – das hat ihm sehr geholfen. Und natürlich – gepaart mit dieser Kombination – das Talent. Alex hingegen macht sich mehr Gedanken, wie komme ich dahin etc.? Er ist zweifacher Weltmeister (Moto2, Moto3), aber wie er die Titel eingefahren hat, da hat es schon viel gerattert im Kopf. Das hat man schon gesehen. Denn je mehr man überlegt und unter Strom steht, desto hinderlicher kann das sein. In diesem Bereich kann sich Alex meiner Meinung nach am meisten von Marc abschauen. Das ist aber auch eine Challenge, denn man kann nicht in den Kopf des anderen reingehen.

servusmotogp.com: Wie geht die Saison 2020 für Sie weiter?

Stefan Bradl: In Jerez und Misano starte ich fix mit einer Wildcard. Und ich freue mich, wieder mit ServusTV bei vielen Rennen dabei zu sein. Das ist eine tolle Kombination, die mir Spaß macht. Ein dritter Wildcard-Einsatz ist möglich, aber ich glaube es nicht. Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass immer mal ein Honda-Fahrer ausfällt und sich verletzt. Und dann bin ich auch dabei. Zwei Starts sind gut, drei wäre super. Ich bin happy mit der Situation. Die nächsten Testfahren stehen im März in Spanien, im April in Japan an. Wir haben im Sommer viel vor. Ich werde dieses Jahr auch wieder mehr nach Japan müssen – für die Entwicklung und Testfahrten dort. Das haben wir letztes Jahr nicht gemacht, aber 2020 ist das wieder dabei. Einfach auch, um den Kontakt und den Draht wieder enger zu haben.

Interview: Julia Baumgartner

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