Tim Jüstel, Teamkoordinator bei Moto3-Rennstall Prüstel GP, über die Corona-Zwangspause, ihre Auswirkungen – und wie es danach weitergehen könnte.

Die Corona-Krise lässt die Motorrad-WM weiter stillstehen. Und mit dem jüngsten Beschluss der deutschen Bundesregierung ist auch der Deutschland-GP auf dem Sachsenring in weite Ferne gerückt. Besonders die kleinen Privatteams trifft es aktuell hart, wie Tim Jüstel, Teamkoordinator bei Moto3-Team Prüstel GP, im Gespräch mit ServusMotoGP.com bestätigt.

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ServusMotoGP.com: Das Wichtigste zuerst – sind alle gesund bei euch?
Tim Jüstel, Prüstel GP: Es ist natürlich eine außergewöhnliche Situation. Wir haben in den Winter-Monaten sehr hart gearbeitet, um zum Saisonstart bestens vorbereitet zu sein. Jetzt nach nur einem Rennen Zuhause sitzen zu müssen und eine Rennabsage mitzubekommen, ist sehr hart. Wir haben in unserem Team glücklicherweise noch keinen Krankheitsfall zu beklagen. Neben unseren vier deutschen Team-Mitgliedern kommen ja fünf Mann aus Spanien sowie eine Mitarbeiterin aus Italien. Die Zustände und Entwicklungen dort sind wirklich sehr schlimm. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei allen Hinterbliebenen, die eine geliebte Person durch das Virus verloren haben. Und bei denen, die noch gegen die Krankheit ankämpfen.

Was ist für euch als Moto3-Team aktuell das größte Problem?
Die größte Schwierigkeit ist wahrscheinlich das Abwarten. Das tatenlose Beobachten der Lage, ohne etwas unternehmen zu können. Wir alle leben und lieben Motorsport. Wir können gar nicht anders, als auf den Rennstrecken dieser Welt um Zehntelsekunden zu kämpfen. Das fehlt einem jetzt natürlich sehr. Dennoch müssen wir uns eingestehen, dass Motorsport im Moment deutlich in den Hintergrund rückt. Die Gesundheit und Sicherheit unserer Team-Mitglieder, Fans und der Gesellschaft hat aktuell oberste Priorität. Darüber hinaus ist es natürlich für uns als Moto3-Team wie für jeden anderen Rennstall auch eine ernstzunehmende Lage, wenn keine Rennen mehr stattfinden. Sie sind Grundlage unserer Arbeit und der Antrieb, warum wir morgens aufstehen. Die Corona-Krise betrifft ja auch nicht nur uns im Motorsport, sondern auch den Großteil der Unternehmen in der freien Wirtschaft. Wir sind daher sehr dankbar, dass wir so zuverlässige und loyale Sponsoren und Partner an unserer Seite haben. Gemeinsam werden wir versuchen, stärker als vorher aus der Krise zurückzukehren.

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„Normalität ist wohl noch ein ganzes Stück entfernt“

Viele sprechen über eine Fortsetzung der Saison frühestens im August. Wie schätzt ihr das ein?
Der nächste offiziell geplante Saisonstart ist hier vor Ort am Sachsenring Mitte Juni. Das wäre natürlich großartig für uns, den Sachsenring und die gesamte Region. Eine tatsächliche Prognose, wann die Maßnahmen gelockert werden können bzw. wann die Pandemie überstanden ist, trauen sich aber im Moment nicht Mal die Virologen zu. Der Zeitpunkt, ab dem eine Motorrad-WM wieder wie gewohnt laufen kann, liegt wohl noch ein ganzes Stück dahinter. Nur weil alle Geschäfte wieder geöffnet haben und die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben wurden, wird es wohl immer noch schwierig sein, mit dem gesamten MotoGP-Paddock um die Welt zu reisen. Wir hoffen, dass wir so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren können. Aber das wird wohl noch dauern…

Was macht ihr aktuell – und wie geht es für euch weiter, wenn wieder gefahren werden kann?
Unsere Mechaniker, Crewchiefs und unser Data-Engineer können aktuell nicht viel machen. Sie verbringen die Zeit zu Hause bei ihren Familien. Vielleicht können sie der Zwangspause ja sogar etwas Positives abgewinnen. Im Hintergrund läuft das Management natürlich weiter. Es gibt viel zu Organisieren und man kann die Zeit nutzen, um ein paar liegen gebliebene Themen aufzuarbeiten. All unsere Fahrer (Moto3, CEV, NTC) befinden sich im Trainings-Modus. Sie halten sich bestmöglich fit und arbeiten physisch und psychisch auf das nächste Rennen hin. Aber es ist natürlich schwer für die Jungs.

Wie, glaubt ihr, wird sich der Motorsport durch Corona verändern?
Das ist eine gute Frage… Wir hoffen, dass es auf den Sport an sich keine großen Auswirkungen hat. Denn der ist auf einem sehr hohen Niveau und bietet eine einzigartige Show. Aber vielleicht wird es einen positiven Einfluss auf die Menschen haben, sowohl bei den Fans als auch im Paddock. Es wird uns jetzt vor Augen geführt wie wertvoll Dinge sind, die für uns alle vorher selbstverständlich waren. Wir sollten dankbar sein für jede „Selbstverständlichkeit“ in unserem Alltag. Dankbar dafür, dass wir frei und problemlos von Kontinent zu Kontinent reisen können. Dankbar dafür, dass man zusammen mit 200.000 Fans auf den Tribünen die besten Rennfahrer der Welt bestaunen darf. Oder einfach nur dankbar dafür, dass man einen Freund besuchen und ihn umarmen kann.

Interview: Katharina Untersberger