MotoGP World Championship

Analyse: Das fehlt Marquez noch zu seiner Bestform

21. Apr. 2021

Foto: Motorsport Images

Bei seinem Comeback in Portugal betonte Marc Marquez, welch große Rolle der mentale Aspekt spielt - Sportpsychologe Pep Font analysiert, was er jetzt tun muss.

Alle Augen waren auf ihn gerichtet: Nach neunmonatiger Verletzungspause kehrte Marc Marquez in Portimao mit Platz sieben in die MotoGP zurück. Jetzt heißt es für den Ex-Weltmeister, wieder seine Bestform zu finden, ehe er sich konkrete Ergebnisse zum Ziel setzen kann.

Simple Mathematik würde dafür sprechen, dass Marquez in einer Position ist, um den verlorenen Boden auf den WM-Führenden gutzumachen. Eine WM-Chance am Ende der Saison könnte theoretisch möglich sein.

Nach dem siebten Platz beim Portugal-Grand-Prix kehrt Marquez als nächstes nach Jerez zurück, wo er sich im Vorjahr den rechten Oberarm gebrochen hat. In der WM-Wertung ist er 14. Auf Fabio Quartararo an der Spitze fehlen 52 WM-Punkte.

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Emotionale Szene in der Box

WM-Chance für Marquez theoretisch möglich

Den größten Rückstand, den Marquez in der MotoGP seit 2013 aufholen konnte, waren 37 Punkte. Dieses Defizit hatte er nach den ersten drei Rennen in der Saison 2017 auf Maverick Vinales. Am Ende lautete das WM-Duell Marquez gegen Andrea Dovizioso.

Damals hatte Marquez 16 Rennen Zeit, um den Rückstand aufzuholen. Das waren zwei weniger als im aktuellen Kalender (wenn trotz Corona alle Grands Prix planmäßig stattfinden). Theoretisch wäre in den kommenden Monaten eine Aufholjagd möglich.

Auf der anderen Seite hat der Honda-Star klar betont, dass er derzeit am wenigsten an den WM-Titel denkt. Stattdessen liege sein Fokus darauf, wieder der Fahrer wie vor der Verletzung zu werden. Das aber wird nicht von heute auf morgen passieren, sondern Schritt für Schritt.

Psychologe: Marquez muss sich viele kleine Ziele setzen

Um mehr Einblicke zu erhalten, hat der spanische Ableger von Motorsport.com bei Pep Font nachgefragt. Er arbeitet als Psychologe im Center of High Performance in Sant Cugat (Barcelona). Font betreute schon viele Top-Piloten wie Jorge Lorenzo und Marc Coma.

"Betrachtet man, was Marc in seiner Karriere gezeigt hat, zählt er meiner Meinung nach zu den Menschen, die sich angemessene Ziele setzen", meint Font. "Im Moment wird er also nicht daran denken, Rennen oder die WM zu gewinnen."

"Seine unmittelbaren Ziele werden nicht allzu groß sein, aber nützlich für seine Situation. Ich glaube, er setzt sich ambitionierte, aber realistische Ziele. Das ist ein Schlüsselfaktor, denn er macht sich selbst den Druck, um diese Ziele zu erreichen. Er wird wissen, dass er damit umgehen kann."

"Das können Dinge auf dem Motorrad sein, wie zum Beispiel seine Sitzposition, seine Zeit in bestimmten Sektoren oder Vergleiche mit einem anderen Fahrer." Laut Font ist es wichtig, dass Marquez jedes einzelne kleine Ziel erreicht.

Emotionaler Ausbruch zeigt, wie schwer die Verletzung war

Das Erreichen dieser kleinen führe dann zum ganz großen Ziel, so Font weiter. Wie hart die letzten neun Monate für Marquez gewesen sein müssen, zeigte jüngst dessen emotionaler Ausbruch nach dem Portimao-Rennen in der Box. Denn der Spanier ist eigentlich jemand, der laut eigenen Worten "nicht gerne solche Emotionen zeigt". Diesmal konnte er sie jedoch nicht verbergen.

"Als ich in die Box zu meinen Mechanikern kam, brach es förmlich aus mir heraus, und ich konnte die Emotionen nicht kontrollieren", sagte Marquez. "Seit langer Zeit habe ich davon geträumt, ein MotoGP-Rennen zu beenden. Das war der größte Schritt in meiner Rehabilitation, meiner Genesung."

"Ich fühle mich wieder wie ein MotoGP-Fahrer. Das war mein Traum und ich habe es geschafft. Als ich zurück an die Box kam, war ich müde und erschöpft. Dann sind die Emotionen aus mir herausgeplatzt. Ich konnte sie nicht kontrollieren - aber es war sehr schön."

Im Laufe des Wochenendes hatte Marquez mehrfach gesagt, dass er durchaus Zweifel hatte, ob er überhaupt wieder Rennen fahren kann. Schlimmer noch: Er hatte sogar die Befürchtung, dass er seinen rechten Arm nicht mehr ganz normal im Alltag benutzen kann.

Umfeld könnte unbewusst falschen Druck aufbauen

Und dieser innere Druck fiel genau in dem Moment ab, als die ganze Honda-Box Marquez nach dem Rennen Applaus spendete. Der erste Schritt beim Comeback ist geschafft. Nun steht Marquez vor einer ganz anderen Art von Druck.

"Der zerstörerische Druck wird vom Umfeld des Athleten aufgebaut - unbewusst", erklärt Sportpsychologe Font. "Das spitzt sich alles in einem Wort zu: Es zu beweisen. Das Wort 'beweisen' sorgt für Erwartungen."

"Es ist aber wichtig zu bedenken, dass ein großer Teil von Erwartungen irrational sind. Natürlich könnte es passieren, dass Marc die Meisterschaft wieder dominiert. Aber er darf sich dazu nicht verpflichtet fühlen, weil man das nicht als garantiert annehmen kann."

"Du wirst wieder der Fahrer wie früher"

"Es könnte passieren, aber auch nicht. Die Leute um ihn herum, die ihm zu helfen versuchen, könnten im Endeffekt großen Druck auf seine Schultern aufladen. Man hat die besten Absichten und sagt Dinge wie: 'Du wirst wieder der Fahrer wie früher', oder 'Du wirst wieder gewinnen'."

"Mit solchen Sätzen werden extreme Erwartungen generiert, weil er solche Statistiken hat und so viel in der Vergangenheit erreicht hat. Marc kann damit umgehen. Aber er muss sich dessen bewusst sein, dass es dieses negative Phänomen von Druck gibt", sagt Font.

Marquez hat den ersten Schritt zurück auf seine eigene Art gemacht: Mit Überzeugung. In Portimao ist er nie zuvor ein MotoGP-Bike gefahren. Er hatte im Vorfeld keinerlei Testfahrten absolviert und schwang sich das erste Mal seit 265 Tagen auf seine Honda.

Trotz all dieser Voraussetzungen hatte er im Ziel nur 13 Sekunden Rückstand auf Sieger Fabio Quartararo. Zudem war Marquez zehn Sekunden vor Vinales. Und: In seiner letzten Runde fuhr Marquez seine persönlich schnellste. Es war die neuntschnellste Runde des Rennens.

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