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Nach wildem Moto3-Manöver: Kritik-Hagel gegen Binder

8. Nov.
Im Fadenkreuz der Kritik: Binder und sein wildes Moto3-Manöver in Portimao, das die WM entschied.

Foto: Motorsport Images

Es war eine Kamikaze-Aktion mit weitreichenden Folgen: Das sagen die MotoGP-Stars zur Kollision zwischen Darryn Binder und Dennis Foggia, die in Portimao die Moto3-WM entschied.

DAS Gesprächsthema beim Algarve-Grand-Prix in Portimao am Wochenende war nicht der Sieg von Ducati-Pilot Francesco Bagnaia im vorzeitig abgebrochenen MotoGP-Rennen. Sondern das Manöver von Darryn Binder gegen Dennis Foggia im WM-entscheidenden Moto3-Rennen, das Foggia unverschuldet seine letzte Titel-Chance kostete.

Zugetragen hat sich die Szene in der letzten Runde in Kurve 3. Genau dort setzte sich WM-Spitzenreiter Pedro Acosta innen neben seinen Titelrivalen Foggia und übernahm die Führung. Binder lag an vierter Stelle und setzte einen Angriff auf seinen Vordermann Sergio Garcia.

Dabei bremste der Südafrikaner auf seiner Petronas-Honda aber derart spät, dass er den direkt vor Garcia fahrenden Foggia von dessen Leopard-Honda riss. Auch Garcia kam zu Fall. Binder fuhr weiter und kam noch als Vierter ins Ziel, wurde aber umgehend disqualifiziert. Die Begründung der Rennkommissare lautete lapidar: "Unverantwortliches Fahren".

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Binder nach Kamikaze-Manöver disqualifiziert

Foggia nutzt das freilich nichts. Seine Chance auf den WM-Titel ist nach der starken zweiten Saisonhälfte, in der er Rennen für Rennen massiv Boden auf Tabellenführer Acosta gutgemacht hatte, in der letzten Runde des vorletzten Rennens zerplatzt.

Acosta, der eingangs der letzten Runde noch hinter Foggia lag und sich alles andere als sicher sein durfte, wie das Rennen ausgeht, fuhr nach Foggias unverschuldetem Sturz ungefährdet als Sieger ins Ziel. Und damit ist Acosta der Moto3-WM-Titel 2021 sicher. Dieser Erfolg ist dem 17-jährigen Spanier direkt in seiner Rookie-Saison gelungen.

Das große Thema aber - nicht zuletzt in der Pressekonferenz der Top 3 des MotoGP-Rennens - war das Manöver von Darryn Binder. Der jüngere Bruder von KTM-Pilot Brad Binder steigt im Winter direkt aus der Moto3- in die MotoGP-Klasse auf. In der neuen Saison der Königsklasse wird er Teamkollege von Andrea Dovizioso bei RNF-Yamaha, dem Nachfolge-Team von Petronas-Yamaha.

Bagnaia fordert Superlizenz für MotoGP-Aufstieg

Wie denken die MotoGP-Stars über Binders Portimao-Manöver und dessen Zukunft? "Ich finde, wir brauchen eine Superlizenz wie bei Autorennen", lautet die erste Reaktion von Francesco "Pecco" Bagnaia, dem Sieger des MotoGP-Rennens, das direkt im Anschluss an das Moto3-Rennen über die Bühne ging.

"Leider ist das, was wir heute gesehen haben, die Normalität", kritisiert Bagnaia das Manöver von Binder. Und denkt schon mal an 2022: "Ich weiß, dass dieser Fahrer nächstes Jahr bei uns in der Klasse fahren wird. Und kann nur hoffen, dass so etwas dann nicht passieren wird."

Damit will Bagnaia aber nicht ausschließlich den 23-jährigen Südafrikaner zum Sündenbock machen. Vielmehr spricht der Ducati-Werkspilot, der seit Sonntag als Vize-Weltmeister 2021 in der MotoGP feststeht, einen größeren Kontext an. Nämlich die aggressive Fahrweise im Moto3-Feld, die ohnehin seit Wochen ein großes Thema ist.

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Mir spricht sich für härtere Strafen aus

Während sich Bagnaia auch im Motorrad-Sport für eine Superlizenz ausspricht, wie es sie beispielsweise in der Formel 1 schon seit Jahren als Zulassung für die Königsklasse gibt, zweifelt Joan Mir daran, ob eine solche Regelung allein das Grundproblem lösen würde.

Mir, MotoGP-Weltmeister von 2020 und am Sonntag in Portimao hinter Bagnaia auf Platz zwei, sagt: "Ich weiß nicht so recht, was ich von einer Superlizenz halten soll. Es mag sicherlich keine schlechte Idee sein, aber das müsste man abwarten."

"Meiner Meinung nach ist es das Wichtigste, dass solche Manöver bestraft werden.", so Mir weiter. "Und das meine ich nicht nur auf das jeweilige Rennen bezogen. Es sollte eher ein Rennen Sperre geben oder noch mehr. Denn wenn nicht, dann wird so etwas wieder passieren. Foggia und Garcia ist heute zum Glück nichts passiert. Aber es kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass etwas Größeres passiert. Insbesondere in der Moto3-Klasse mit all den jungen Fahrern."

Analyse des Wochenendes mit Stefan Bradl

Miller nimmt Binder etwas in Schutz

Jack Miller, der Drittplatzierte des MotoGP-Rennens, äußerte sich hingegen nicht nur kritisch über Binder, sondern nahm ihn auch in Schutz. "Fehler können passieren. Zwischenfälle können passieren", sagt der Ducati-Pilot. Und wendet sich direkt an Mir: "Du weißt ja, wie oft wir beide in diesem Jahr schon aneinandergeraten sind."

"Aber klar", so Miller weiter, "was heute im Moto3-Rennen passiert ist, war nicht gut. Es war weder gut für Foggia, der natürlich verloren hat. Es war aber auch nicht gut für Pedro [Acosta], weil es seine Leistung als Rookie in dieser Saison ein wenig in den Hintergrund rücken lässt. Was passiert ist, hat ihn um das Gefühl gebracht, den Titel wirklich erkämpft zu haben."

Speziell in Anspielung auf den jungen Binder sagt Miller: "Er muss muss wohl mal zum Augenarzt gehen, denn er ist mit viel mehr Tempo in diese Kurve reingestochen, als er das hätte tun sollen. Ich glaube aber auch, dass ich für alle sprechen kann, wenn ich sage, dass wir alle Fehler machen. Wie das nächstes Jahr wird, müssen wir abwarten. Übermäßig große Sorgen mache ich mir nicht, denn MotoGP ist einfach ein ganz anderes Level."

In diesem Moment wirft Mir in Zustimmung zu Millers Worten ein: "Nicht alles ist Darryns Schuld. Er steht momentan sicherlich immens unter Druck. Er will beweisen, warum er für nächstes Jahr einen MotoGP-Platz bekommen hat. Dieser Druck hilft ihm sicherlich nicht gerade dabei, gute Entscheidungen [auf der Strecke] zu treffen. Unter Druck machen wir alle Fehler. Eine Situation wie diese ist nicht einfach."

Manöver wegen WM-Entscheidung anders bewertet?

Renn-Sieger Bagnaia denkt in diesem Zusammenhang auch an die Rennkommissare. "Ich möchte nicht entscheiden müssen, wie eine solche Situation gehandhabt wird und wie man in diesem konkreten Fall mit Darryn umgeht." Zur Erinnerung: Deniz Öncü wurde für einen aggressiven Spurwechsel beim Moto3-Rennen in Austin, der in einem Massenunfall mit unter anderem Acosta endete, für zwei Rennen gesperrt. Der 18-jährige Türke darf erst kommendes Wochenende in Valencia wieder mitfahren.

Mir meint zur Situation um Binder am Sonntag in Portimao: "Ich finde nicht, dass er für zwei Rennen gesperrt werden sollte. Und damit meine ich das, was heute passiert ist." Warum denkt der Suzuki-Pilot so, nachdem er sich doch selber wenige Minuten zuvor für "eher ein Rennen Sperre oder noch mehr" für aggressive Moto3-Manöver ausgesprochen hat?

"Wir müssen aufpassen. Wir machen die Situation gerade wahrscheinlich etwas größer als sie ist, weil dadurch die WM entschieden wurde", erklärt Mir. "Unterm Strich war es ein Fehler [von Binder]. Aber der muss natürlich auch irgendwo als Beispiel für die Zukunft angesehen werden, um zu vermeiden, dass so etwas wieder passiert. Ich finde, eine Art Strafe braucht es schon, einfach im Sinne der Sicherheit."

Bradl will MotoGP-Rooie Binder "die Leviten lesen"

Stefan Bradl, der am Portimao-Wochenende kurzfristig in Vertretung für Marc Marquez für das Honda-Werksteam am Start war, hat seine ganz persönliche Meinung zu Darryn Binder und der Aussicht, dass er nächstes Jahr im MotoGP-Feld antreten wird.

"Für Foggia tut es mir extrem leid, weil er in der letzten Runde sicher noch eine Attacke gestartet hätte. Doof gelaufen. Es ist klar, dass Binder wieder involviert war", kommentiert Bradl bei ServusTV. Und blickt auf 2022 voraus: "Er soll aufpassen. Wenn ich dabei bin, werde ich ihm schon die Leviten lesen. Denn es ist nicht das erste Mal, dass er so eine Aktion liefert. Der Bursche muss sich zusammenreißen - aber das weiß er, denke ich."

Jack Miller aber ergreift noch einmal verteidigend für Darryn Binder das Wort. Schließlich ist der Australier einst selber direkt aus der Moto3- in die MotoGP-Klasse aufgestiegen. Und hat damit genau den Aufstieg vollzogen wie der junge Binder nun sieben Jahre später.

"Ja, Darryn mag in gewisser Weise ein wilder Fahrer sein, oder wie auch immer man das sehen möchte. Aber noch einmal: Wir alle machen Fehler. Und ich selbst weiß ganz genau, wie einem der Druck zusetzt, wenn man aus der Moto3- direkt in die MotoGP-Klasse kommt", sagt Miller. "Er steht ja gerade mal am Beginn dessen, was da auf ihn zukommt."

Miller erinnert: Auch Rossi & Co. nicht ohne Fehler

Und Miller vergleicht den jungen Binder nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit Valentino Rossi, dessen lange und erfolgreiche MotoGP-Karriere am kommenden Wochenende in Valencia zu Ende geht. "Wir haben es auch beim GOAT gesehen, bei Valentino Rossi. Auch ihm sind solche Fehler passiert, und das nach acht oder neun WM-Titeln. Das ist Racing und da passieren nun mal Unfälle. Das muss mal grundsätzlich verstanden werden."

"Ja, wenn so etwas in der Moto3-Klasse Woche für Woche passiert, dann muss sicherlich etwas unternommen werden", sagt Miller. "Öncü ist für zwei Rennen gesperrt worden. Damit stimme ich aber nicht überein. Ich glaube nämlich nicht, dass er [in Austin] der Hauptverursacher war. Wenn man ihn nach Hause schickt, hätte man meiner Meinung nach eine Reihe von Fahrern nach Hause schicken müssen. Aber das ist eine andere Geschichte."

"Ich glaube auch nicht", so Miller weiter, "dass das Mindestalter etwas daran ändern wird. Denn der Großteil der Fahrer, die diese Fehler machen, sind schon deutlich älter als 18 Jahre. Meiner Meinung nach ist dieses Thema keine Frage des Alters."

"Es ist eher eine Frage des gesunden Menschenverstands und davon, wie viel Respekt Du den anderen Fahrern auf der Strecke entgegenbringst", sagt Miller. Der Australier bringt ein direktes Beispiel: "Joan [Mir] und ich, wir haben uns in diesem Jahr des öfteren berührt. Trotzdem können wir uns immer noch in die Augen schauen, so wie wir das jetzt gerade tun. Das ist Racing und da passieren nun mal Fehler. So ist das Leben."

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