Hamilton kritisiert Mercedes-Box: “Wäre gerne Risiko eingegangen”

11. Okt.

Foto: GEPA Pictures / XPB Images / Moy

In der WM liegt Titelverteidiger Lewis Hamilton jetzt wieder hinter Max Verstappen. Entsprechend durchwachsen war die Laune des Mercedes-Stars nach dem Türkei-Grand-Prix.

Ganz so angefressen wie im Boxenfunk äußerte sich Lewis Hamilton ein paar Stunden nach dem Nackenschlag von Istanbul nicht mehr. Aus seinem Frust machte der Rekord-Weltmeister allerdings weiter keinen Hehl. "Ich bin jemand, der Risiken eingeht. Ich wäre das Risiko gerne eingegangen", sagte Hamilton. Und warf seiner Mercedes-Crew damit indirekt eine mutlose Taktik vor.

Hamilton, mit sieben WM-Titeln und 100 Formel-1-Siegen dekoriert, ist nun mal auf Erfolg gepolt. 15 Punkte für Platz drei sind logischerweise mehr als zehn für Rang fünf. Ein Punkt Rückstand auf Max Verstappen wäre leichter aufzuholen als sechs.

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Mercedes-Boss Wolff: "Wir haben gezockt"

Doch was Hamilton auch mit etwas Distanz ausblendete, war seine mögliche Fallhöhe. Hätte er das Regen-Rennen auf dem Istanbul Park Circuit wirklich mit einem einzigen Reifensatz vom Start bis zur Zielflagge als Dritter beenden können? Oder wäre er am Ende von einem Kontrahenten nach dem anderen nach hinten durchgereicht worden? Oder gar wegen eines Reifenschadens ausgeschieden? Hypothetische Fragen, auf die Mercedes-Teamchef Toto Wolff eine angemessene Antwort zu geben versuchte.

"Wir haben gezockt", sagte der Österreicher. "Erst auf eine trocknende Strecke und dann darauf, es bis zum Ende mit einem Satz auszuhalten." Gegen Renn-Ende wurde Hamilton dann aber so langsam, dass das Team den Fahrer überstimmte, um zumindest Rang fünf abzusichern. Im Nachhinein, räumte Wolff ein, "hätte ich zehn Runden früher gestoppt und auf der Strecke um die Positionen gekämpft." Mit dieser Taktik wäre Hamilton "wahrscheinlich Dritter oder Vierter" geworden, mutmaßte der 49-Jährige.

Medien nehmen Mercedes ins Visier

Im Poker von Istanbul traf der Kommandostand letztlich eine Entscheidung der Vernunft. Das sieht auch Mario Isola so, der Formel-1-Projektleiter von Reifen-Hersteller Pirelli. Er glaube nicht, dass Hamilton "auf diesem Satz die Position hätte halten können", erklärte der Italiener.

Die Analyse des Fachmanns bewahrte Mercedes allerdings nicht vor der heftigen Schelte einiger Medien. Wie "Nervenbündel" hätten die Strategen des Weltmeister-Teams agiert, urteilte die Daily Mail. Und weiter: Der Reifenwechsel sei "sinnlos" gewesen. "Mercedes ist schneller, aber nicht immer schlauer", kommentierte das Algemeen Dagblad schadenfroh.

Hamilton reagiert auf Kritik

Die Kritik an seinem Rennstall ließ auch Hamilton nicht ungerührt. Teile der Presse hätten "zu viel" hineininterpretiert, schrieb er am Montag bei Instagram. Unterm Strich sei es "das Sicherste" gewesen, doch noch einen Reifenwechsel vorzunehmen. Man solle von ihm "nicht erwarten, dass ich während des Rennens komplett ruhig und höflich bin am Funk". Aber man gewinne oder verliere "als Team".

Letztlich kam Hamilton mit einem blauen Auge davon, verlor "nur" acht Punkte auf Red-Bull-Star Verstappen. In einem Rennen, in das der Weltmeister wegen eines Motorwechsels aus dem Mittelfeld starten musste. Auf einer Strecke, auf der Überholen schwierig ist.

Bottas leistet Hamilton Schützenhilfe

Mut machen sollte dem 36-Jährigen die Pace seines Teamkollegen Valtteri Bottas. Der raste bei freier Fahrt von der Spitze zu seinem ersten Sieg seit über einem Jahr, machte Verstappen so sieben Zähler streitig und half Hamilton damit gewaltig.

Es ist schon kurios: Verstappen holte sich die WM-Führung zurück an einem Wochenende, an dem er ohne realistische Siegchance war. Sein Boss ist bereits leicht nervös wegen der wiedergewonnenen Dominanz von Mercedes auf den Geraden. "Ihre Motoren-Überlegenheit nimmt immer mehr zu", sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner. "Wir müssen unser Chassis optimieren, damit wir das zumindest ansatzweise ausgleichen können."

Die sechstletzte Station der Formel-1-Saison ist in zwei Wochen Austin. Beim USA-Grand-Prix geht es viel geradeaus und schnell um die Kurve, es ist Hamiltons erklärter Lieblings-Kurs. Und wer weiß, vielleicht hat der Weltmeister ja schon bald wieder bessere Laune. (SID/red.)

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