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Hofmanns MotoGP-Bilanz: “Der Generationswechsel ist nicht mehr aufzuhalten”

3. Dez.
Alex Hofmann; ServusTV-Experte; MotoGP

Foto: (C) ServusTV

ServusTV-Experte Alex Hofmann spricht über eine Marquez-lose MotoGP-Saison, Piloten-Kritik an Yamaha, Druck auf Fabio Quartararo und blickt auf 2021 voraus.

Die MotoGP-Saison 2020 wird als besonders in Erinnerung bleiben. Zunächst sorgt das Coronavirus für Ungewissheit: Wird es überhaupt eine Saison geben? Und wenn ja, in welcher Form? Dann der frühe Ausfall von Abo-Weltmeister Marc Marquez, der Horror-Crash am Red Bull Ring, viele packende Asphalt-Kämpfe und am Ende mit Joan Mir ein neuer Weltmeister. Alles außer gewöhnlich also, dieses MotoGP-Jahr 2020. servusmotogp.com lässt die Saison mit ServusTV-Experte Alex Hofmann Revue passieren.

servusmotogp.com: Alex, es war gleich in mehrfacher Hinsicht eine denkwürdige Saison. Was war für dich die Headline über dem MotoGP-Jahr 2020?

Alex Hofmann: Erwarte das Unerwartete! Das wäre meine Überschrift für die MotoGP 2020. Der frühe verletzungsbedingte Ausfall von Marc Marquez hat allen anderen die Tür geöffnet und ihnen wieder Platz zum Träumen gegeben. Neun verschiedene Sieger, Hersteller Suzuki wird Weltmeister, dazu KTM ebenfalls mittendrin. Es war auf jeden Fall Abwechslung pur an allen Ecken und Enden. Und das, obwohl es wegen Corona nur eine verkürzte Saison war.

servusmotogp.com: Mit Joan Mir heißt der neue Weltmeister erstmals seit Jahren nicht Marc Marquez, der - wie Du schon sagst - verletzungsbedingt ausfiel. Wie viel Marquez steckt also im WM-Titel von Mir?

Alex Hofmann: Man kann nicht wegdiskutieren, dass die Saison 2020 mit einem fitten Marc Marquez in der Startaufstellung sicher anders gelaufen wäre. Aber Verletzungen gehören nun mal dazu. Stürze sind sportliche Fehler der Fahrer, die manchmal schwere Konsequenzen nach sich ziehen. Wenn es Joan Mir womöglich nochmal gelingt, Weltmeister zu werden - im direkten Zweikampf mit Marc - dann wird er diesen Titel vermutlich selbst höher einstufen. Wenn nicht, wird er trotzdem für immer ein MotoGP-Weltmeister sein und bleiben. Also, was soll's...



servusmotogp.com: Durch seinen folgenschweren Sturz beim Saisonstart in Jerez hat Marquez seine Vormachtstellung in der MotoGP quasi selbst gebrochen. Aber war nicht irgendwann zu erwarten, dass genau das passiert - nimmt der Spanier oft einfach zu viel Risiko?

Alex Hofmann: Das Risiko im Rennen ist einfach nur "Marc-Marquez-Standard" gewesen. Er ist so gepolt und kann einfach nicht anders, wie ein hungriger weißer Hai. Die größere Unvernunft war sicherlich, so schnell wieder aufs Bike steigen zu wollen. Aber auch das macht ihn ja besonders. Für die Zukunft sollten auf jeden Fall die MotoGP-Ärzte darüber nachdenken, etwas mehr auf die Vernunft zu hören, ehe man die Fahrer wieder freigibt. Da sollte man nachbessern. Sonst sind die MotoGP-Jungs einfach nicht zu bremsen - und das Wort "Vernunft" befindet sich von Natur aus nicht in ihrem Wortschatz.

Spannende Saison "dank" Marc Marquez?

servusmotop.com: In der Folge nahm dann die ausgeglichenste und spannendste Saison seit langem ihren Lauf. Lag das in erster Linie am Marquez-Ausfall, oder haben die anderen Werke auch auf Weltmeister-Team Honda aufgeholt?

Alex Hofmann: Auf jeden Fall musste Honda mal ohne seinen Zauberer auskommen. Aber nehmen wir Marc mal aus den WM-Ständen der letzten Jahre raus, wäre es für Honda auch nicht so rosig geworden. Zuletzt haben vor allem Suzuki und KTM jeweils einen großen Schritt nach vorne gemacht. Auf der Ducati hat es dagegen kein Fahrer geschafft, wirklich konstant zu sein. Aber eine rote Diva war irgendwie immer mit dabei, sodass am Ende sogar der Konstrukteurs-Titel für die Roten herausgesprungen ist.

servusmotogp.com: Während Hersteller wie Honda, Yamaha oder auch Ducati immer wieder zu kämpfen hatten, hat KTM den wohl größten Sprung nach vorne gemacht. Wie bewertest du die Saison der Österreicher?

Alex Hofmann: Für die KTM-Truppe war 2020 eindeutig das Jahr des Durchbruchs. Drei Siege und etliche Podien, das hat die Erwartungen ganz klar übertroffen. Aber die Orangen sind ja nie mit dem Olympischen Gedanken an den Start gegangen. Jetzt heißt es in Munderfing, die starken Ergebnisse analysieren und darauf aufbauen. Eins steht fest: Die Konkurrenz lächelt seit diesem Jahr auf jeden Fall nicht mehr über den eigenen Weg aus Österreich.

servusmotogp.com: Das Saisonfinale in Portimao war zuletzt auch von Abschiedsszenen geprägt, u.a. mit den Routiniers Andrea Dovizioso und Cal Crutchlow. Kündigt sich in der MotoGP eine Wachablöse an?

Alex Hofmann: Der Generationswechsel ist nicht mehr aufzuhalten. Die jungen Wilden haben den Respekt abgelegt und wollen nun ihren Teil vom MotoGP-Kuchen abhaben. Und das ist gut so. Dazu finde ich, dass wir tolle Kerle am Start haben. Jungs, die nicht nur auf der Strecke eine gute Figur machen, sondern auch als Menschen extrem gute Vorbilder für die vielen Talente zu Hause am Bildschirm sein können.

Das sagt Hofmann zu Rossis Karriere-Entscheidung

servusmotogp.com: Altmeister Valentino Rossi verabschiedete sich in Portugal ebenfalls von seinem Team, bleibt der MotoGP aber nächstes Jahr erhalten. Für dich die richtige Entscheidung, dass der "Doctor" weitermacht? Was können wir 2021 nach einer eher enttäuschenden Saison von ihm erwarten?

Alex Hofmann: Valentino ist nun mal "Vale" und eben "Il Dottore" der MotoGP. So lange er fahren will und Spaß dabei hat, fährt der Kerl. Das ist gut so. Und auch, wenn 2020 eine echte Achterbahn der Gefühle für ihn war: An guten Tagen fährt der "Oldie" aufs Podium. Dazu gibt es einen Fun-Fact, der viele zum Nachdenken bringt: Bei seinen gerade Mal sieben Zielankünften in der Saison 2020 lag Rossi am Ende immerhin sechs Mal vor Fabio Quartararo! Wär hätte das gedacht? Ich auf jeden Fall nicht...

servusmotogp.com: Stichwort Quartararo - Rossis Petronas-Vorgänger steckte zuletzt ziemlich in der Krise. Wurde der Shooting-Star womöglich zu früh gehyped, war sein Leistungsabfall für dich zu erwarten?

Alex Hofmann: Nach dem Doppelsieg zum Saisonstart war es natürlich leicht zu sagen, das ist er wohl jetzt. Aber Jerez und Fabio sind ein "Perfect Match". Deswegen musste man natürlich erst mal abwarten, wie es weitergehen würde. Gut möglich, dass der frühe Druck und die hohe Erwartung auch bei Fabio unter dem Helm etwas für Verwirrung gesorgt haben. Den Speed hat er auf jeden Fall. Aber auf WM-Ebene ist es ihm noch nicht gelungen, eine konstante Saison abzuliefern. Dass muss sein Ziel für 2021 sein: An schlechten Tagen Sechster werden, und an guten Tagen um den Sieg kämpfen.

Hofmann sieht japanische Hersteller unter Druck

servusmotogp.com: Rossi, Quartararo und auch Morbidelli übten vermehrt öffentlich Kritik an ihren Bikes. Warum reagierte Yamaha nicht darauf, vor allem - wie es nach außen wirkte - nicht auf das Feedback eines neunfachen Weltmeisters? Oder waren die technischen Probleme einfach zu komplex, um sie in dieser Saison noch auf Schiene zu bringen?

Alex Hofmann: Die Entwicklung eines MotoGP-Bikes ist immer ein gnadenloser Kompromiss. Das perfekte Bike wird es nie geben. Und ein Werk wird nie in der Lage sein, es vier verschiedenen Fahrern recht zu machen. Ich glaube, dass die japanischen Werke und speziell Yamaha nun ein wenig unter die Räder der europäischen Werke geraten. Damit meine ich, dass der Entwicklungs-Speed von Ducati und zuletzt vor allem der von KTM offenbar etwas zu viel für die Abläufe der Japaner sind. Sie werden umdenken und kürzere Wege suchen müssen, um dort nicht den Anschluss zu verlieren. Noch leben sie von jahrzehntelangem Erfahrungs-Vorsprung. Aber der ist wohl bald aufgebraucht.

servusmotogp.com: Abschließend noch ein Blick voraus - welchem der Neuzugänge in der MotoGP traust du für 2021 eine Überraschung zu? Und wer wird es womöglich schwer haben?

Alex Hofmann: Da kommen mit Bastianini, Marini und Martin drei schnelle Jungs nach oben. Wie gut die Ausbildung der MotoGP über die Moto2 ist, haben wir ja in den letzten Jahren gesehen. Siege wie bei Brad Binder als Rookie sind eher die Ausnahme. Aber ich würde mich nicht wundern, wenn die immer mal an den Top 6 knabbern.

servusmotogp.com: Und worauf können wir uns im Hinblick auf 2021 besonders freuen? Rückt ein wiedergenesener Marc Marquez die Verhältnisse auf Anhieb wieder zurecht?

Alex Hofmann: Zuerst hoffe ich, dass Marc ohne weitere Operation wieder fit ins Geschehen eingreifen kann. Und dazu kommen dann viele hungrige Herausforderer, die 2020 viel Selbstvertrauen getankt haben. Das hört sich schon explosiv an, und wird es wohl auch werden. Ist Marc wieder zu 100 Prozent fit, heißt es aber einmal mehr: Alle gegen Marquez. Die Karten sind neu gemischt!

Interview: Oliver Kluth & Erich Hober-Lipouschek

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